Renate Solbach: Sarkophag

Rezensionen 2019

FABIAN GEORGI: Managing Migration? Eine kritische Geschichte der Internationalen Organisation für Migration (IOM), Berlin (Bertz + Fischer) 2019, 445 Seiten

Der Politikwissenschaftler Fabian Georgi hat mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM) einen – erstaunlicherweise – eher unbekannten, unbeobachteten Akteur der internationalen Migrations- und Flüchtlingspolitik zum Sujet sowohl des im Folgenden zu besprechenden Werkes als auch seiner zugrundeliegenden Dissertation (2016) gemacht. Für Letztere wurde der Verfasser mit dem Antonio-Gramsci-Preis für kritische Forschung in der Migrationsgesellschaft 2018 ausgezeichnet. Die Idee, eine Arbeit über die wenig bekannte und gewürdigte IOM und ihre Geschichte aus kritischer Perspektive vorzulegen, ist eine zündende: Erhält der Leser mit dem Buch doch eine umfassende Einführung in die Entwicklung und Rolle dieser internationalen Migrationsorganisation, der Kritiker und Gegner regelmäßig vorwerfen, sie zeige in ihrem Wirken keinen hinreichenden Sensus für die Menschenrechte von Migranten und Flüchtlingen und fungiere dem Globalen Norden und seiner Wohlstandswahrung vielmehr als Instrument der Abschottung gegen Migration und der Eindämmung von Migrationsströmen, insbesondere aus der südlichen Hemisphäre kommend.

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Mein ’68. Aufbruch nach Europa, hg. v. Holk Freytag u. Ingrid Sonntag, Dresden (Sandstein Verlag) 2019, 196 Seiten

Wenn historische Ereignisse vergangen sind, sind sie zwar historisch, aber in einem spirituellen Sinne doch nicht vergangen. Die Sächsische Akademie der Künste hat gerade einen Band zum Jahr 1968 vorgelegt, der uns dessen Aufbrüche gleichermaßen als weiterwirkende Illusionen wie legitime Niederlagen und tragische Aufbrüche verdeutlicht. Der Untertitel, mit dem die Herausgeber, der Dresdener Akademiepräsident Holk Freytag und die Leipziger Literaturwissenschaftlerin Ingrid Sonntag, hier in ihrem hochinteressanten Band vor allem die epoche-übergreifenden Nachwirkungen des ›Prager Frühlings‹ markieren, ist einem Prager Text von 1968 entlehnt, in dem es heißt: »Wenn es uns bisher genügt hat, zu wissen, wohin wir nicht wollen, müssen wir uns jetzt endlich entschließen, wohin wir eigentlich wollen. Wir sollten zurück nach Europa wollen.« Das hatte damals Jan Procházka (1929-1971) geschrieben – (Solange uns Zeit bleibt, 1973, 147) –, da war er Eduard Goldstückers Stellvertreter im Vorstand des Schriftstellerverbands der ČSSR. Damit ist aber auch die geistig-politisch prinzipielle Differenz zum studentischen ’68 in Westdeutschland offenbar, wie sie schon Ondřej Černý erlebte: »Mein Gott, die sind ja hier viel kommunistischer als bei uns« (S.145); die wollten – wie dann maßgebliche DDR-›Bürgerrechtler‹ ’89 – natürlich kein geeintes Europa, keine bürgerliche ›Normalität‹ – sie befeuerten einen neuen, ›wahren, demokratischen‹, utopischen Sozialismus, – während die Osteuropäer zum Befund, es habe doch noch gar keinen richtigen Kommunismus gegeben, gelassen antworteten: … und dabei sollten wir es auch belassen.

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GERD SPITTLER: Anthropologie der Arbeit. Ein ethnographischer Vergleich, Wiesbaden (Springer VS) 2016, 301 Seiten

In einer Rezension der Festschrift zum 65. Geburtstag von Heinrich Popitz (Hans Oswald, Hg.: Macht und Recht. Opladen 1990), die ich Anfang der Neunziger für die Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie verfasst habe, schrieb ich über die Beiträger: »Die Autoren gruppieren sich nicht zu einer abgrenzbaren soziologischen ›Schule‹, es sind einfach gute Soziologen. Sie führen vor, was der Jubilar vorgeführt hat, was Soziologen können können. Eigenständigkeit provoziert Eigenständigkeit.«

Gerd Spittler war in der Festschrift mit einem Kabinettstück über »Führer und Karawane in der Wüste« vertreten. Er hatte bei Popitz mit einer Arbeit über den Sanktionsmechanismus unter anderem anhand von Konflikten zwischen Köchen und Spülern in einer Restaurantküche (Norm und Sanktion, Olten 1967) promoviert, lehrte dann einige Jahre in Heidelberg und Freiburg und erhielt 1988 einen Lehrstuhl für Ethnologie an der Universität Bayreuth. Schon seit den späten siebziger Jahren betrieb er jahrelange ethnologische Feldforschungen in verschiedenen Regionen Afrikas, vorzugsweise bei den Kel Ewey in Niger, einem Stamm der Tuareg.

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