Ulrich Schödlbauer

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Erzählung vom Feinsten

Verum et factum convertuntur.
Giambattista Vico, Scienza nuova

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Meine erste Krankheit … ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll: Sie hat mich nicht weiter berührt. Alle Leute, mit denen ich bisher darüber reden konnte, versicherten mir, die erste Krankheit sei ein Erlebnis, das den ganzen Menschen verändere. Für meine Person kann ich das nicht bestätigen. Meine erste Krankheit war kurz, schmerzvoll und überflüssig. Ich habe sogar ihren Namen vergessen, so wenig bedeutete sie mir. Jedenfalls nahm sie keinen Einfluss auf meine weitere Lebensgestaltung. An ihrer Stelle verfestigte sich der Eindruck: Krankheiten sind etwas für Ärzte. Sie kennen sich damit aus, sie drücken, notieren, drücken wieder und verschreiben etwas. Sie drücken wieder, notieren, schielen nach der Uhr und verschreiben etwas anderes. Wie man erfährt, leben sie davon gut. In Venedig zum Beispiel sollen ganze Straßenzüge fest in ihrer Hand sein. Ich weiß nicht, ob es sich dort gesünder lebt als in der Neubausiedlung gleich nebenan. Die Frage beschäftigt mich auch nicht wirklich.

Meine zweite Krankheit … kümmert Sie überhaupt, was ich Ihnen hier erzähle? Es sind intime Geschichten und die gehen nur einen begrenzten Personenkreis etwas an. Meine zweite Krankheit ging nur mich etwas an. Ich hatte mir fest vorgenommen, die Ärzteschaft, übrigens bei vollem Respekt vor ihren Fertigkeiten, in Zukunft draußen zu halten. Nicht, weil die Leistungen meines ersten Arztes mich nicht überzeugt hätten – ich war hingerissen vom Charme seiner Sprechstundenhilfe und hätte nichts dagegen einzuwenden gehabt, ihm ein weiteres Mal zu erliegen. Jetzt werden Sie vermutlich denken: Dieser Mensch ist von Natur aus misstrauisch und liest zu viele Horrorgeschichten über Fehldiagnosen und ihre Folgen. Oder er hat, wie jeder halbwegs gebildete Geist, die einschlägige Literatur über die Machenschaften der Pharma-Industrie konsumiert und dadurch seine Unbefangenheit eingebüßt. Die Wahrheit ist: Ich habe meine zweite Krankheit nicht bemerkt.

Irgendwann habe ich einen Zirkel genommen, einen Kreis um das Thema ›Krankheit‹ gezogen und darüber ein einziges Wort geschrieben: ›Tabu‹. Sie glauben gar nicht, was so ein Wort alles bewirken kann. Was tabu ist, das ist tabu und basta. Reden wir nicht darüber. Wer kein Seelenleben kennt, der braucht keinen Seelenklempner. Wer keinen Schmerz kennt, der rennt auch nicht zum Arzt, um sich ein Schmerzmittel verschreiben zu lassen.

Meine dritte Krankheit… Jetzt fange ich an, Sie zu langweilen, aber hören Sie zu –: aus gutem Grund! Denn nur so kann ich Sie hoffentlich davon überzeugen, dass ich hier keine Faxen erzähle, sondern eine sachliche Information weiterreiche… Meine dritte Krankheit … wie soll ich es sagen? Ich habe sie mental nicht rechtzeitig aufgegriffen. Sie war, wie man so sagt, ein richtiger Schleicher und schmuggelte sich ein. Ich muss dann wohl den Zeitpunkt verpasst haben, zu dem der Arztbesuch von meiner Warte aus sinnvoll gewesen wäre. Ich hatte mich an sie gewöhnt. Ja, ein Teil von mir argwöhnte ängstlich, ich würde sie vermissen, falls es jemandem gelänge, sie mir wegzunehmen (schon der Gedanke, sie mit einem Fachmann teilen zu müssen, schuf mir die eine oder andere unruhige Nacht). Auch die unausweichlich auf mich zukommende Frage, warum ich erst so spät zur Untersuchung erschienen sei und wie lange ich bereits an den Symptomen litte, bereitete mir gewaltiges Kopfzerbrechen. Was hätte ich antworten sollen? Dass ich mich einfach nicht krank gefühlt hätte, obwohl mir das Vorhandensein einer Krankheit oder eines krankhaften Organzustandes durchaus bewusst gewesen sei? Oder dass ich genau so lange nichts gemerkt hätte, bis es mir irgendwann vorteilhaft schien, die plötzlich doch vorhandene Sache auf sich beruhen zu lassen – vor allem, weil sich ja gezeigt hätte, dass mit ihr durchaus zu leben sei, obwohl gerade über diesen Punkt zeitweise gewisse Zweifel aufkamen?

Ich bin einfach nicht der Typ, sich vor anderen ohne Not zum Narren zu machen.

Meine vierte Krankheit … meine fünfte … sechste … siebte … irgendwie glichen sie einander. Jedenfalls kann ich mich an keine Vorkommnisse erinnern, die mich nötigten, mich an dieser Stelle über sie zu verbreiten. Wohl aber kommt ihnen das unschätzbare Verdienst zu, mich in engere Verbindung mit ein paar Ärzten gebracht zu haben. In einem Fall ging es sogar ins Private. Was ich sagen will: Man kommt mit einer Krankheit in die Praxis und lernt etwas über Ärzte. Die Krankheit verfliegt und mit ihr die Erinnerung an ausgestandene Ungemach. Was nicht verfliegt, ist die Erinnerung an den Arzt, sein Besucherzimmer, seine Assistentin, seinen eiligen Gang, seine Wortkargheit, seine Art und Weise, die Spritze oder den Kugelschreiber zu zücken: Das alles vergeht nicht, es wird zum Lebensbegleiter, ganz so wie die gemeinsam durchgestandenen Dispute, in denen sich stets aufs Neue ein unheilbarer Dissens offenbart. Kein Arzt kennt meine Krankheit, stattdessen identifiziert er sie mit etwas, über das er Bescheid zu wissen glaubt und wofür ihm die Zeit zu reichen scheint. Man selbst, von der Krankheit ermattet, nickt am Ende zu seinem Vorgehen, weil man so oder so begriffen hat: Das vorgesehene Kontingent ist aufgebraucht. Überhaupt die Zeit … Ärztinnen, so lautet meine Erfahrung, nehmen sich Zeit, sie nehmen sie sich wie ein Tässchen aromatischen Kaffees, sie saugen ihren Duft ein, stellen sie in eine Ecke und vergessen sie dort.

Wovon sprach ich gerade? Von der zwangsläufigen Abstraktheit der Krankheit. Konkret sind die Leiden, die aber, sobald man darüber zu reden beginnt, sich entweder in Wehwehchen verwandeln oder in Schreckensberichte, von denen sich jeder Zuhörer innerlich schaudernd abwendet, in Langweiler, denen man das Grübeln vieler Nächte anmerkt, in Erzählungen vom nahenden Ende. Aber am Ende … am Ende landest du wieder beim aufgesuchten Arzt, seinen Künsten, Diagnosen, Prognosen, Rechnungen und so fort. Ein Kommunikations-Diagnostiker würde es so ausdrücken: Der Arzt ist die Krankheit. Ohne Arzt bliebe sie ein verkrüppeltes, ein unerkanntes Etwas ohne Zentrum und Peripherie, ohne Hand und Fuß, vor allem aber: ohne Maß.

Wer, außer dem Arzt, kann das Kranksein aus der Perspektive der Krankheit beschreiben? Offensichtlich niemand. Wer, außer dem Arzt, hätte daran ein Interesse? Offensichtlich niemand. Gelegenheit macht Diebe, das wissen Götter so gut wie Menschen, dazu bedarf es keiner besonderen Einweisung.

Wer beschreibt daher mein Erstaunen – das klingt jetzt wie eine billige Phrase, aber Sie begreifen schon, wie es gemeint ist –, als ich aus erster Quelle erfuhr, dass in den vor uns liegenden Jahren jeder potenzielle Patient sich seine Krankheit selbst werde aussuchen können? Es war ein heißer Tag und die Brennnesseln warteten geduldig auf Kundschaft. Das hieß ja, praktisch gedacht … was eigentlich? Es hieß für den Einzelnen, sich auf gut Glück eine Krankheit von der Stange zu kaufen und sie anschließend vom nur noch pro forma behandelnden Arzt sine ira et studio, am besten per Internet, bestätigen zu lassen. Der Ruf der Rohrdommel schlug an mein Ohr. Ein progressives Modell, ohne Zweifel, vor allem unter dem Aspekt des Identitätsbegehrens, das in allen westlichen Ländern grassiert: Mündig ist, wer sich selbst in allen Belangen wählt. Es bleibt aber doch immer ein gewisses Befremden dabei, so ein weiteres Mal in die eigene Freiheit hinausgestoßen zu werden, vor allem angesichts bereits eingetretener oder zu erwartender Nebenwirkungen, vulgo Schmerzen. Ein Zeckenbiss vermag dein Leben mehr zu ändern als tausend Skrupel.

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Hand aufs Herz: Seitdem es wirksame Schmerzmittel gibt, markieren Schmerzen nicht länger den Haupt- und Überlebenspunkt des Krankseins. Hauptsächlich dienen sie zur Ablenkung des Patienten, währenddessen der behandelnde Arzt zum Hochamt schreitet. Das ist der Grund, weshalb böse Zungen behaupten, die Homöopathie habe bloß deswegen zu einer ernsthaften Medizin-Konkurrentin heranwachsen können, weil ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung, vermutlich aus eng mit dem jeweiligen IQ verwobenen Gründen, sich hartnäckig weigert, zwischen Schmerz und Krankheit eine saubere Trennlinie zu ziehen. Natürlich ist das so nicht hinnehmbar und der Kampf gegen die Quacksalber und ihre Mittelchen ein gesamtgesellschaftliches Anliegen erster Güte.

Der selbstbestimmten Krankheit, um auf sie zurückzukommen, könnte das Kunststück gelingen, den notorischen Streit zwischen Schulmedizin und ganzheitlichem Zugang ein für allemal zu schlichten. Dazu ein Gedankenexperiment: Werfen Sie einen Stock ins Wasser und verfolgen Sie seinen Weg! Sie sehen, wie er kreiselt und treibt, wie seine Lage sich langsam den Wirbeln und Strudeln des fließenden Elements anbequemt und wie er langsam Ihrem Gesichtskreis entschwindet. Dies alles sehen Sie … sagen wir, Sie sehen zu, wie sich seine Lage entfaltet, wie er Selbständigkeit und ›Momentum‹ gewinnt, und dennoch vergessen Sie keinen Augenblick, dass Sie es waren, der dies alles durch Ihren Wurf herbeigeführt hat. Sie vergessen es nicht, weil Sie es nicht vergessen können. Zwar können Sie vor den Folgen Ihres Tuns die Augen verschließen, aber aus dem Gedächtnis tilgen können Sie es nicht. Und nun die Anwendung: Indem der Patient, der passiv Leidende, wie der Ausdruck besagt, zum Werfer wird – exakt in dem Augenblick, in dem er die Krankheit als seine bestimmt –, setzt er an die Stelle des animalischen Begehrens nach Linderung einen unwiderruflich sein Leben verändernden Akt der Wahl. Sagen Sie nicht, das sei selbstredend, blablabla – in manchem Blablabla versteckt sich eine Alltagsrevolution, die neue Leiden und neue Formationen des Menschseins herbeiführt, von denen unsereins nicht einmal zu träumen wagt.

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Auch der sein Leid wählende Mensch, geschlagen mit der von ihm georderten Krankheit, ist, schon aus statistischen Gründen, ein ›Fall‹. Warum erwähne ich das? Weil er als solcher, berechnet und durchkalkuliert, unweigerlich den Staat auf den Plan ruft. Jeder, der sich einmal mit dieser Materie beschäftigt hat, weiß: Der moderne Staat beruht auf der Leistungsfähigkeit seiner Bürger. Diese wiederum beruht auf der Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems, dieses wiederum auf der Leistungsbereitschaft der Träger, also praktisch, heruntergerechnet auf die dabei zu leerenden Taschen, der Patienten selbst. Als Datenspender betrachtet, führt der Patient dem vom Staat autorisierten Versicherungsträger die Zahlen und damit die Summen zu, die an ihn als Objekt der individuellen Behandlung zurückfließen. Freie Krankheitswahl bedeutet daher für den Einzelnen, über die Verwendung der für das Gesundheitssystem aufgebrachten Gelder autonom zu verfügen – im Prinzip, wie immer, wie denn sonst?

Hören Sie etwas? Hören Sie das Rauschen der Niagara-Fälle? Noch ist es nicht mehr als ein fernes Geräusch, aber wir kommen der Sache näher. Die freie Krankheitswahl, sie wirft, wie alles im Leben, ein klitzekleines Problem auf, gemeinhin bekannt als Anreizlücke: Angesicht der im Pschyrembel, dem Handbuch der kassenmedizinisch zugelassenen Krankheiten, zur Wahl gestellten Überfülle an Krankheiten ist nichts verständlicher als das Zögern der Patienten, die pathologische Verschleppung der anstehenden Entscheidung, die stumme, allzu leicht in unkontrollierte Gewalt umschlagende Verzweiflung der weitgehend gegen ihren erklärten Willen in Freiheit gesetzten, durch die zweifellos vorhandene Krankheit in Unfreiheit gebannten Entscheidungsträger. Es genügt eben nicht, als Hardcore-Liberaler den Willen zur Freiheit zu entfesseln, man muss ihm, sozialpolitisch gewitzt, Ziele und Wege aufzeigen, will man das gesellschaftlich Schlimmste verhüten.

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Das Netz … was verstehen Sie unter dem Netz? »Wer so fragt«, pflegte mein erster Informatiklehrer ex cathedra zu verkünden, »beweist seine lange Leitung.« Dabei beugte er sich ein wenig vor, als wolle er sicherstellen, dass jeder einzelne seiner Hörer in diesem Augenblick schmachvoll das eigene, zu lang geratene Stück Leitung empfand. Mach etwas draus! Das Netz wartet darauf, von dir in Angriff genommen zu werden. Dieser Strom aus Erfindungen, den wir ›das Netz‹ nennen und der unaufhaltsam alle menschlichen Dinge verschiebt, hat unwiderruflich auch die Beziehungen der Menschen zu ihren Krankheiten verändert, ebenso die Verhältnisse der Krankheiten untereinander, vor allem aber die in all dem schlummernden Verdienst- und Machtverhältnisse. Krankheit bedeutet Macht: Diese Binsenweisheit, lange im Wirken der kleinen Provinz-Landärzte verborgen, hat sich unter den Bedingungen des allgegenwärtigen Netzes drachengleich in die Lüfte erhoben und diktiert die Bedingungen des Krankseins ebenso wie die Zusammensetzung der Akteure mitsamt ihren Spielräumen. Schüre die weltweite Angst vor einer Krankheit, die gestern noch ein verlachtes Nichts war, ein Kümmerling, verglichen mit den wahrhaft bedrohlichen Brocken, einer Krankheit, die fast jeder mit größter Leichtigkeit an sich diagnostizieren kann, und es warten, nebst unermesslichen Gewinnen, die Annehmlichkeiten der Macht auf dich, die das Verfügenkönnen über das Wohl und Wehe der Menschen auf dem Planeten nun einmal mit sich bringt.

Das ist ein langer Satz, zu lang für jemanden, der, bereits von Angst ergriffen, das Wüten der Zahlen auf den digitalen Anzeigetafeln verfolgt, ohne ihnen mehr entnehmen zu können als das Pochen der Totenuhren und die Weisheit des Schlachtfeldes: Die Einschläge kommen näher. Ich habe ihn auch nur eingeflochten, um Ihnen, der künftigen Kundschaft, mein Verkaufsmodell zu entwickeln. Es fußt auf einem virtuellen Produkt, das ich, der leichten Fasslichkeit wegen, ›Koop-het‹ nenne (mein Großonkel mütterlicherseits, aus Maastricht gebürtig, legte noch unter der deutschen Besatzung den Grundstein zu seinem Vermögen, man möge mir daher den sprachlichen Ausritt nachsehen). Auch ich habe meine Zeit der Unschlüssigkeit absolviert, ich habe die Qual der Wahl an meinem eigenen Körper zu spüren bekommen und kann ohne Übertreibung versichern: Fast hätte sie mich ins Grab gebracht.

Erwähnte ich es bereits? Ich betrachte mich als wahrhaft Wiedergeborenen, ich habe die Pforten der Hölle gesehen und mehr als einmal hat sich der Bauplan des Universums vor meinem betrachtenden Auge entrollt. Was mich damals gerettet hat, soll jetzt auch Ihnen zugute kommen, jedem Einzelnen von Ihnen. Nur als Einzelne sind wir imstande, dem Bösen zu widerstehen. Geburt und Wiedergeburt sind nun einmal die beiden Enden unserer Existenz. Wer diese Erfahrung nicht machen durfte, der kann nicht nur, der soll auch dort nicht mitreden, wo die wesentlichen Dinge des Daseins, die sogenannten Essentials, verhandelt und letztlich beschlossen werden. Deshalb fällt es so leicht, in der Sphäre der Entscheider, der Politik, auf Wiedergeborene zu treffen, auf Menschen, die einem bis auf Tag und Stunde genau angeben können, bis wann sie mit geschlossenen Augen durchs Leben gegangen sind, vollgepumpt mit Vertrauen in die öffentlichen Funktionen und ihrer Verwalter, und durch welches Ereignis ihnen dann die Binde von den Augen gerissen wurde, so dass aus ihnen Sehende wurden.

Sehende … ich wäre bereit, zur Psychologie dieser Spezies aus eigener Erfahrung einige Beobachtungen beizusteuern, befände ich mich nicht gerade auf einem anderen Pfad. Wer sieht, der will in aller Regel Sehende um sich sehen, das heißt, er will gesehen und in seinem Innersten begriffen werden, jedoch nicht ganz, so dass ein gewisser Vorsprung bleibt, kurz: Er braucht Anhänger. Ich für meine Person konnte mir eine kleine Gemeinde aufbauen, selbstverständlich im Netz, denn, ehrlich gesagt, es hätte mich doch befremdet, die Menschen, die da, zum Teil unter bunten Decknamen, zusammenkamen, um meinen Küchentisch versammelt zu sehen. Wie Sie sich denken können, geht es unserer Gemeinschaft um sogenannte Krankheiten, von denen einige den Einzelnen, einige die Gesellschaft und wieder andere den Staat und seine Handlanger befallen. Eigentlich um nichts anderes als um Aberrationen, um Verfehlungen gegen das, was recht und teuer ist, jedenfalls der Mehrzahl von uns, unter der wir wiederum eine Minderheit darstellen, die Minderheit der Erwachten.

Sie finden das kompliziert? Sie wünschen sich eine Anleitung, um zu verstehen, was damit gemeint sein könnte? Sehen Sie, so kommen wir der Sache bereits einen Schritt näher. Ich könnte mich jetzt hinstellen und verkünden: »Niemand hat die Absicht, Anleitungen zu geben. Der Mensch ist frei in der Wahrnehmung seiner Welt und weiß, was zu tun ist.« Aber das ist Firlefanz, der nicht der mindesten Betrachtung der Realität standhält. Sie wissen das und ich weiß es auch. Der Mensch braucht Anleitungen. Bereits der Pschyrembel, dieses wunderliche Verzeichnis aller Abirrungen der menschlichen Physis, ist eine Anleitung, die Sie wissen lässt, was als Krankheit in Betracht kommt und was nicht. Man könnte genauso gut von gezielter Anstiftung sprechen, bei der Wahl der eigenen Krankheit nicht zimperlich zu sein, sondern beherzt zuzugreifen, wo immer sich die Gelegenheit bietet. ›Jung gefreit ist nie gereut‹ – bei der Wahl der Lebenspartnerschaften mag diese Bauernweisheit ausgespielt haben, auf dem Feld der Krankheiten hingegen erweist sie sich nach wie vor als konkurrenzlos richtig. Dem Thema entsprechend kommt es dabei weniger auf die äußere als auf die innere Jugend an: Wer sich jung fühlt, der wird den Gegenstand seiner Wahl mit Leidenschaft an sich pressen und sich von seiner Präsenz durchdringen lassen.

Aber das Netz, werden Sie fragen, wo bleibt das Netz…? Mit dieser Frage habe ich gerechnet, ich hatte sie bereits notiert, hier steht sie auf meinem Spickzettel, ich muss bloß noch darauf zu sprechen kommen. Im Netz ist jede Entscheidung, Sie wissen es, nur einen Mausklick entfernt. Das hat Folgen für die Psyche, die nicht mehr zu entscheiden vermag, wie viele Entscheidungen pro Zeiteinheit oder pro Lebensabschnitt oder pro Leben für sie verkraftbar sind, weil die Leichtigkeit des Entscheidens alle anderen Faktoren in den Hintergrund treten lässt. Im augenblicklichen Kontext allerdings spreche ich nicht von der Psyche, sondern von spieltheoretischen Überlegungen, die unser aller Handlungen, soweit sie massenhaft und instantan, das heißt, ohne weitere Überlegungen als die gewohnten, gefällt werden, in bestimmte Raster überführen, die es gewissen Leuten erlauben, sich ohne Ende die Taschen zu füllen… Nein, bleiben Sie, ich habe nicht die Absicht, Sie mit Mathematik oder Logik zu belästigen. Draußen stehen Leute, die genau das mit Ihnen vorhaben, dagegen sind Sie bei mir relativ sicher aufgehoben. Bleiben Sie einfach und ich erkläre Ihnen, warum.

Ich habe mein Produkt nicht entwickelt, um Menschen wie Sie zu provozieren. Irgendwie war mir von Anfang an klar: Ich habe nur einen Schuss. Sehen Sie, so ein Branchenfürst, der in den Gründerjahren des Netzes den Grundstein zu seinem unermesslichem Reichtum legen durfte, kann sich heute praktisch jeden Fehlschuss leisten, weil er weiß, nun ja, dass er am Ende des Gemetzels wieder aufstehen wird – die Taschen in der Regel praller gefüllt denn je. Demgegenüber vergleiche ich meine Lage mit der eines Politikers, der zum großen Karrieresprung ansetzt: Er weiß, diese Riesenchance wird sich nie wieder bieten. Wenn er jetzt ins Leere springt, dann für immer. Also kommt es darauf an, seine Vorbereitungen zum richtigen Zeitpunkt getroffen zu haben, bereit zu sein, um gleichzeitig freie Hand und das passende Angebot im Gepäck zu haben. Bereit sein heißt: Nehmt mich. Einen Besseren kriegt ihr nicht.

Ganz recht, das schmeckt nach einem Politiker minderer Ausstrahlung, den kaum einer wählen will, während einflussreiche Interessenvertreter im Hintergrund an einer Konstellation basteln, die seine Wahl zwingend erscheinen lässt. In gewissen Fällen genügt es jedoch auch, wenn ein Wissenschaftler zur Stelle ist, sofern er aus dem Labor alles mitbringt, was die Augen der sogenannten Entscheider zum Leuchten bringt, selbst wenn es auf einen Ekelnamen wie ›Enzym‹ oder … verzeihen Sie, aber ich musste mir gerade auf die Zunge beißen, gelegentlich rutschen mir Wörter heraus, deren Herkunft ich mir selbst kaum zu erklären vermag, wogegen ich sehr wohl weiß, dass sie einmal ausgesprochen, die Macht besitzen, jeden vernünftigen Diskurs zu unterbinden. Und vernünftig wollen wir in dieser Runde doch sein, oder? Kommen wir zur Sache.

Mein Produkt, Koop-het®, entstammt keiner spontanen Eingebung. Wir verdanken es einer langen Reihe sorgfältig durchgeführter Untersuchungen, ganz zu schweigen von der im Hintergrund werkelnden Mathematik. Dennoch ist die Grundidee schlagend einfach und ich möchte sie Ihnen nicht vorenthalten. Der Mensch, vor die Qual der Wahl gestellt, die ihm gemäße Krankheit per Netzklick zu ordern, sieht sich genötigt, die ihm in strenger wissenschaftlicher Terminologie, hier und da aufgehübscht durch eine drastische Darstellung, vor Augen gestellten Krankheitsbilder mit seinen Zuständen abzugleichen. Was mag das sein, was mich da bedrängt, zwackt, mit Schwindel- und Schwächezuständen eindeckt, mir den Appetit verdirbt und das Bierholen zu einer lästigen Angelegenheit werden lässt? Was immer es sein mag, es bleibt der unsichtbare Feind, der hinter all diesem Druck, Schwindel, Matt- und Lustlossein steckt. Solange ich seinen Namen nicht kenne, ist er ein Dämon, sobald ich mich entschieden habe, ihn so oder so zu nennen, verwandelt er sich in einen artigen Blindenhund, der mir sanft und sicher den Weg in die nächste Apotheke oder auf die Intensivstation des Bezirkskrankenhauses bahnt.

Er wäre aber kein richtiger Dämon, wenn er mir nicht zuflüstern würde: Die ist’s! Oder der! Oder der oder die! Wer weiß? Nein, sieh mich an: Der ist es, ganz sicher ist er es, nimm den! Und dabei drückt und zwackt er ein wenig an passender Stelle, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, so dass alles seine Richtigkeit zu haben scheint. Sie können also, angenommen, Ihre Zähler laufen hinter den Kulissen mit, mit größter Leichtigkeit und garantiert zuverlässig über einen größeren Zeitraum ermitteln, wo es die meisten Menschen in ihrem Krankheitsgeschehen am häufigsten zwickt und zwackt. Wenn Sie erst so weit gekommen sind, schicken Sie Ihr Computerprogramm auf die Suche nach der Krankheit, die diesem Zwicken und Zwacken aufs Tüpfelchen entspricht, und siehe da: Hätten Sie’s erraten?

Noch ist es Zeit. Ich gebe Ihnen drei Minuten… Abgelaufen! Was immer Sie in der Realität haben mögen, einen unerkannten Tumor, Leberzirrhose, einen Herzklappenfehler, eine Gefäßverengung, einen Gesundheitstick – in der Summe dessen, worüber Sie sich indirekt beklagen, indem Sie klicken, klicken, klicken… haben Sie Grippe. Das kann nicht sein, wehrt sich Ihr Selbstwertgefühl, eine Grippe hätte ich erkannt, wenn ich etwas genau weiß, dann das eine: Es muss etwas anderes sein, weit gefährlicher als jede Grippe es jemals sein könnte. Muss es. Es muss etwas anderes sein, weil Sie es so wollen. Auch gut, sagt der Datenanalyst, der Durchschnittspatient ist Voluntarist. Sein Körper hat etwas, die Datenanalyse zeigt, was es sein könnte, daher mit hoher Wahrscheinlichkeit ist, und er ist überzeugt davon, dass er etwas anderes hat. Wie lässt sich dieses Dilemma lösen? Man könnte ihn als Aufklärungsfeind brandmarken, aber was wäre damit gewonnen? Besser, wir unterbreiten ihm ein Angebot.

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Was ist Koop-het®? Wenn Sie mich fragen: die erste synthetische Krankheit, die diese Bezeichnung verdient. Koop-het® simuliert keine natürlichen Krankheiten, es schafft keine neuen, furchterregenden Krankheitsbilder, es synthetisiert durch einen raffinierten biologischen Mechanismus einfach die Summe der vorhandenen Auslöser, die den Durchschnittsmenschen zu der Aussage verleiten: Heute fühle ich mich krank. – Ein Angebot, das keiner abschlagen kann, höre ich Sie murmeln – welch ein Irrsinn. 7,3 Milliarden Menschen und ein Erreger: Koop-het. Seien Sie vorsichtig! An solchen Flapsigkeiten verbrennt man sich leicht die Zunge und keiner kann wissen, was dann passiert. Natürlich richtet der Erreger sich an die Menschheit als ganze. Das liegt in der Natur der Sache. Hingegen liegt es an Ihrem technischen Equipment, ob Sie das Angebot auch annehmen können. Sie müssen schon dafür gerüstet sein. Es ist alles eine Frage der kulturellen Teilhabe. Die anderen können und wollen mehrheitlich nichts von Koop-het® wissen und das ist vielleicht gut so. Natürlich laufen auch hochmotivierte Koop-het-Leugner herum, aber auf lange Sicht sind nicht sie das Problem.

Bitte jetzt keinen Aufschrei! Ich weiß … Rassismus ist die Parole. Wir alle sind in Rassismen befangen. Das Licht am Ende des Tunnels … sehen Sie das Licht am Ende des Tunnels? Wir haben begabte Führer, sie wissen mehr als unsereins, sie werden den Weg finden, wenn wir uns ihnen nur anvertrauen, da bin ich mir sicher. Sind Sie sich sicher? Ich hoffe, Sie sind es. Da muss jeder in sich gehen, jeder für sich allein. Allen Verleumdern zum Trotz möchte ich darauf hinweisen: Koop-het® ist kein rassistisches Produkt. Was mich da so sicher macht? Genau besehen ist Koop-het® überhaupt kein Produkt, sondern ein Projekt. Als Projekt aber … wissen Sie, was ein Projekt ist? Sie glauben es zu wissen, aber wissen Sie es wirklich? Ein Projekt ist … etwas, das sich entwickelt. Wie es sich entwickelt, hängt davon ab, in welche Umwelt es hineingeworfen wird. Ich sage absichtlich ›hineingeworfen‹, denken Sie zurück an das vorhin erwähnte Stöckchen und all die Wirbel, durch die es seinen Weg finden muss. Doch anders als das Stöckchen verändert sich das Projekt auf diesem Weg auch selbst, soll heißen, es verändert nicht bloß seine Lage. Natürlich hat jedes Projekt seine Kritiker. Aber eigentlich beschäftigt sie nur, wie es gestern war, während es heute bereits eine andere Gestalt und ein neues Herz gefunden hat. Das Herz von Koop-het® schlägt dort, wo es Opfer als Opfer sichtbar macht.

AHA. Ich merke, hier herrscht noch Erklärungsbedarf. Erinnern Sie mich daran, dass ich die nächsten Minuten am Ende anhänge, aber das Thema ist mir wichtig. Diese Stille … hören Sie sie? Wir entfernen uns von den Niagara-Fällen, aber nur akustisch, verstehen Sie, nur akustisch. Einen Dreh weiter und… Was plappert der da vorne, denken Sie jetzt, er sollte lieber den Mund halten und seine inneren Stimmen sortieren. Das ist richtig, das ist teils richtig, das denke ich ja in Teilen selbst, aber doch eben nur teilweise, denn diese Fälle, sie werden uns noch beschäftigen, sie werden uns noch beschäftigen… Was ist Rassismus? Anders gefragt: Was ist Antirassismus? Es ist – Sie können mir jetzt widersprechen – Stimmenhören, das Hören von Stimmen, die, je weiter man sich mit ihnen beschäftigt, in Rauschen übergehen, ganz recht, in Rauschen, in eine Art Tinnitus, wenn Sie verstehen, was ich meine, so dass Sie am Ende nicht unterscheiden können, ob es von außen oder von innen kommt. Sie können es einfach nicht unterscheiden.

Wollen Sie es überhaupt unterscheiden? Das ist hier die Frage. Der Mensch kann, was er will, lautet eine Parole, ich glaube, der Aufklärung, aber das tut hier nichts zur Sache. Wenn Sie es aber nicht wollen, wenn Sie aufgegeben haben, es zu wollen, dann… Lassen Sie mich Ihnen eine Geschichte erzählen. Nein, keine Geschichte, eher das Ende einer Geschichte, einer langen Geschichte mit einem verwickelten Vorlauf, eher ein Bild denn eine Geschichte. Sie sehen einen Menschen, einen Politiker, glaube ich, der eine Maske hochhält, hoch über seine Mitmenschen, und sie schwenkt, als wollte er sagen: Seht her, das ist DAS DING, das Ei des Kolumbus, aber lassen wir Kolumbus, den Erzrassisten, einmal außen vor… Was immer noch von uns kommen mag, ich empfehle: Tragen Sie Maske! So ist das mit dem Rassismus. Sie dürfen sich eine weiße Maske kaufen, falls Ihnen danach ist, Sie dürfen sich auch eine schwarze Maske kaufen, Sie dürfen als Weißer eine schwarze Maske tragen oder eine weiße oder als Schwarzer eine schwarze Maske oder eine weiße oder eine schwarz-weiße, Sie dürfen die schwarze Maske mit einem weißen Aufdruck versehen und die schwarze mit einem weißen, Sie dürfen sich auch dem Schwarzweiß-Muster verweigern und bunt tragen, verstehen Sie, bunt, mendeln Sie Ihre Botschaften gerade so aus, wie sie Ihnen passen, selbstbestimmt, selbsternannt, Hauptsache, Sie tragen DAS DING, bis Sie anfangen, mit Ihrem eigenen Gesicht zu fremdeln, weil ein Tabu darauf liegt und Sie selbst, Sie selbst zum Tabuträger geworden sind.

Wie ich darauf komme? Hören Sie: Das Rauschen, es ist zurückgekommen, es ist angeschwollen, Sie fangen bereits an, in ihm einzelne Stimmen-Cluster zu unterscheiden, aber alle reißen einander mit fort. Koop-het®, wie ich und meine Mitstreiter es einst konzipiert haben, ist eine Maske geworden, DAS DING, das alles andere überdeckt. Seine Existenz hat dazu geführt, dass mittlerweile jeder, Depp oder Professor, einzeln seine Überzeugung vornimmt, sobald ihm ein Mitmensch begegnet, mancher sogar vor sich selbst, sollte er aus Versehen einmal allein sein. Er trägt sie im Gesicht, dort, wo früher ein Mund, eine effektvoll geschwungene Nase, ein paar rosige oder faltige Wangen, eine sprechende Mundfalte und dergleichen das Spiel der Individualitäten, ihrer Neigungen und Abneigungen befeuerten – ist alles fort, macht alles keinen Unterschied im Vergleich zu dem einen, vom Kranksein befeuerten: Maske oder nicht Maske, Menschheitsfeind oder -freund, Pro oder Contra, pro Regierung oder contra Regierung, Rassist oder Antirassist, pro Koop-het® oder … Täter. Wo aber Täter sind, da sind auch Opfer. Und wo kein Tatmotiv existiert, da ist das Opfer noch rein. Verstehen Sie? Massen ohne Zugang zu den sozialen Netzen, Ausgeklinkte, die das Spiel nicht mitspielen, weil es in einer anderen Etage der Gesellschaft, unter einer anderen Hautfarbe, einem anderen Jargon, einer anderen Ethnie, einer anderen sexuellen oder religiösen Orientierung oder einem anderen Himmel gespielt wird, sie sind die reinen Opfer. Wäre ich Papst, ich würde ihnen täglich die Füße abküssen.

Koop-het®, was immer seine Verächter unter die Leute streuen, wäre somit die erste antirassistische Krankheit der Menschheitsgeschichte. Sie, jawohl Sie, die kulturell Begünstigten, übernehmen durch Ihr Verhalten die volle Verantwortung für die Pandemie und entscheiden damit darüber, welchen Verlauf sie unter den weniger Begünstigten nimmt. Wie das geht? Warten Sie’s ab. Warten Sie’s einfach ab. I brought you in, I'll bring you out. Hören Sie zu. Sie können diese Krankheit buchen und damit eine Fülle von Eingriffen in Ihr privilegiertes Gesundheits-, Regierungs- und Sozialsystem auslösen (denn, Sie wissen es bereits, jeder Klick zählt), die, mit ein wenig Glück, in der Summe nicht weniger ergeben könnten als die Abschaffung dieses Systems. Sie können es genauso gut auch lassen und damit jene Fülle von Eingriffen in Ihr privilegiertes Gesundheits-, Regierungs- und Sozialsystem auslösen (denn, Sie wissen es, jeder Klick zählt), die, mit ein wenig Glück, in der Summe nicht weniger ergeben könnten als die Abschaffung dieses Systems. Jedenfalls war das erkennbar die Hoffnung der Macher, denen ich Koop-het® in der Frühphase seiner Entstehung vorstellen durfte. Der eine oder andere Lobbyist mag deutlich naheliegendere Vorstellungen im Hinterkopf gewälzt haben, aber darauf komme ich später. Eigentlich ist mir der ganze Komplex peinlich. Ich bin ein einfaches Gemüt und möchte, was alle gern möchten: verdienen.

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