Renate Solbach: Zeichen

Thema 2020

In Memoriam Kurt Scheel

Das Recht auf freie Meinungsäußerung gehört, neben der Demonstrationsfreiheit und der Freiheit, Koalitionen zu bilden, zu den Grundbedingungen eines demokratischen Gemeinwesens. Diese Freiheiten sind nicht umsonst als Grundrechte in der Verfassung verankert, und sie bauen aufeinander auf: Nur wo jeder seine abweichende Meinung ungehindert äußern und sie zusammen mit anderen öffentlich artikulieren kann und darüber hinaus die Möglichkeit besteht, sich als politische Opposition zu organisieren, können wir von demokratischen Verhältnissen sprechen.

Über die Bedrohung der Meinungsfreiheit wird in letzter Zeit viel gestritten und auch lamentiert. Zu Recht und zu Unrecht. Beides soll hier untersucht werden.

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Seit meinem Studium des Faches Geschichte hat sich mir als einem der wenigen Studenten, die an Kirchengeschichte interessiert waren, ein Schlagwort eingebrannt: ›Thron und Altar‹. Die fachlich damit befassten Professoren waren sich weitgehend darüber einig, dass diese Formel das Verhältnis von Staat und Kirche seit Jahrhunderten treffend bestimmt und unsere gesellschaftliche Wirklichkeit bis heute geprägt habe. Da konnten sie sich des Beifalls der ›Post-68er‹-Kommilitonen sicher sein. Denn im ›roten Jahrzehnt‹ (Gerd Koenen) war es unbezweifelter Glaubenssatz, dass die Religion ›Opium des Volkes‹ (Marx) und die Kirche immer die ›Kirche der Herrschenden‹ gewesen seien. ›Fortschrittliche‹ Theologen flankierten die studentische Herrschaftskritik mit materialistischen Bibelexegesen nebst marxistischen Deutungen sowie Verweisen auf neue ›linke‹ Theologien, wie die ›Theologie der Befreiung‹ und die ›Theologie der Revolution‹ (wie z.B. Helmut Gollwitzer, Hans-Eckehard Bahr, Hans-Jürgen Benedict, Friedrich Wilhelm Marquardt, Dorothee Sölle, Martin Stöhr, Heinz Eduard Tödt). Wer anders dachte und notwendige Differenzierungen bzw. Aufhellungen des düsteren Tintoretto Gemäldes von zeitgenössischer Theologie und verfasster Kirche anmahnte, sah sich rasch als ›Reaktionär‹ und ›Obskurant‹ an den Katzentisch versetzt. Der einzige Historiker am Fachbereich für Geschichtswissenschaft, der die platte These von ›Thron und Altar‹ kritisch-empirisch zu differenzieren versuchte (Prof. Dr. Hans-Dietrich Loock), wurde von den versammelten ›Linken‹ als Kuriosum ignoriert.

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