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Werner Stanglmaier: Globalisierung und Befinden. Eine Ursachensuche

Unter Globalisierung verstehe ich den weltweiten Austausch von Menschen, Informationen, Ideen, Kapital und Waren. Sie geht damit weit über die wirtschaftliche Globalisierung hinaus, mit welcher der Begriff häufig gleichgesetzt wird. Globalisierung ist ein Prozess, der die Landesgrenzen aushöhlt und Volkswirtschaften, Kulturen, Technologien und Gesetzgebung über Grenzen hinweg angleicht und integriert.

Die Kritik an der Globalisierung erfasst in der Regel nur eine Seite des nicht rückgängig zu machenden Prozesses. Ich behaupte, dass die Globalisierung weltweit zu einer Verbesserung der sozialen Lage der Mehrzahl der Menschen führt – und das Neue ist positiv, sofern es den Menschen nützt. Die Angst der europäischen Mittelschichten vor der Veränderung, die den Ruf nach Abschottung fördert, ist eine nachvollziehbare, aber unproduktive und vergebliche Reaktion.

Ich habe selbst seit der Jahrtausendwende in Tansania beobachten können, wie die Massai rund um den Kilimandscharo inzwischen keine Lanzen mehr tragen; dafür hat jeder ein Smartphone am Gürtel. Die Kinder kommen in Schuluniformen aus dem Busch – ebenfalls mit Smartphone. Und das lässt sich auch objektivieren: Die Armut ist weltweit klar im Schwinden, sowohl absolut als auch prozentual. Nimmt man die Zahlen der Weltbank, so lag die extreme Armut (weniger als 1,90 Dollar pro Tag) im Jahr 1981 bei 42 Prozent der Weltbevölkerung (1,9 Milliarden Menschen). 2013 waren es noch 10,7 Prozent (767 Millionen). In China ist die Armut von 84 Prozent im Jahr 1980 auf zuletzt 10 Prozent gefallen. Die wesentlichen sozialen Indikatoren (wie Gesundheit, Einkommen, Bildung, Kindersterblichkeit usw.) zeigen für nahezu jedes beliebige Land der Erde positive Entwicklungen in den letzten zwei Jahrzehnten. Obwohl in Afrika noch etwas mehr als die Hälfte der Bewohner unter Armut (wie oben definiert) leidet, ist deren Anteil auch dort in 30 von 35 Ländern signifikant gefallen. Global gesehen lässt sich, anders als für manche wichtige Länder wie die USA, eine Tendenz zu wachsender sozialer Ungleichheit gerade nicht nachweisen – im Gegenteil.

Ich bestreite, dass das Aufkommen rechtspopulistischer (warum nicht linkspopulistischer?) Parteien hauptsächlich auf die neoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik zurückzuführen sei. Auch glaube ich nicht, dass diese Politik auf die vom Finanzkapital getriebene Globalisierung hauptsächlich zurückzuführen sei. Ohnehin sind die derzeitigen globalen Veränderungen nicht als vorwiegend politisch erzeugt zu begreifen: – Zu diesen globalen Veränderungen gehört gewiss die immer stärkere Vernetzung der Weltwirtschaft mit ihren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und auf die damit verbundenen Qualifikationsanforderungen, auf die Strukturveränderungen nationaler Ökonomien, Kapitalflüssen (Finanzkrise von 2008/09), Verbrauchermärkten und nationalen politischen Entscheidungen;

  • das weltweite Kommunikationsnetz und die damit verbundene Kommunikation bis hin zum Internet der Dinge, die Veränderung unserer zwischenmenschlichen Kommunikationsformen mit ihren Auswirkungen auf unser Denken;
  • das enorme, wenngleich zeitlich begrenzte Wachstum der Weltbevölkerung, interne oder grenzüberschreitende Migration, die demografischen Veränderungen auch in unserem Land;
  • die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, die Veränderung der Tier- und Pflanzenwelt – eine »neue Beziehung zwischen der menschlichen Zivilisation und den Ökosystemen der Erde« (Al Gore, Die Zukunft);
  • revolutionäre Techniken der Biologie, der Biochemie, der Genetik (Neuerfindung des »Lebens«) und Materialwirtschaft;
  • und damit verbunden die Herausbildung einer vollkommen neuen Konstellation von Weltpolitik, Ökonomie und militärischen Kräfteverhältnissen.

Die globalen Machtverhältnisse verändern sich in einer nie gesehenen Schnelligkeit. Die sich jetzt zeigenden weltweiten politischen Veränderungen sind nur der Anfang: Schnelligkeit und Schwerpunkte verändern sich in den nächsten 30 Jahren in einer Weise, die nur mit großer Aufmerksamkeit und ständig erneuertem Wissen wahrgenommen werden können. Der oftmals vorhandene eurozentristische Blick ist eines der größten Hemmnisse dabei. Diese Veränderungen werden von den Menschen wahrgenommen – wenn auch in unterschiedlicher Weise. Aber sie werden wahrgenommen, auch hierzulande.

Zu den auf unsere Gesellschaft einwirkenden globalen Veränderungen gehört auch eine radikale Umgestaltung der Arbeitswelt:

  • Strukturwandel von der industriellen Produktion zur Dienstleistungsgesellschaft, die von Robosourcing und Outsourcing zunehmend geprägt wird;
  • Differenzierung und Dequalifikation in vielen Bereichen;
  • schneller Wandel der Produktionsbereiche und damit der Qualifikationsanforderungen an die folgende Generation, so durch das Internet der Dinge, die Übernahme von Produktionsprozessen von Robotern und Computern;
  • Einfluss der Informationstechnik, künstliche Intelligenz im Dienstleistungs- und Produktionsbereich;
  • für viele Menschen unüberschaubare wirtschaftliche Veränderungen, resultierend aus globalen Einflüssen, so in deutschen Regionen, die durch globale Einflüsse wirtschaftlich gewinnen bzw. verlieren (Oberpfalz), oder durch den Einfluss amerikanischer Pensionsfonds auf den Mietermarkt und die Immobilieninvestitionen (Berlin);
  • Outsourcing vieler Produktionsbereiche und vieler Dienstleistungen in andere Länder;
  • perspektivisch: Self-Sourcing, d.h. Ersetzung von Menschen, die im Dienstleistungsbereich tätig sind und zu Hause, im Flugzeug etc. ihre Arbeit vereinzelt erledigen.

Der Gesundheitswissenschaftler Aaron Antonovsky hat das die Welt unserer Eltern bestimmende Kohärenzgefühl – als das Gegenteil von Angst – so definiert, »dass das Leben nicht einem unbeeinflussbaren Schicksal unterworfen ist, … jede Anstrengung sinnvoll … [ist]. Meine Welt ist verständlich, stimmig, geordnet … Das Leben stellt mir Aufgaben, die ich lösen kann.«

Zukunftsangst ist kein deutsches, sondern ein europäisches, ja westliches Phänomen, und sie ist begründet in den genannten Umwälzungen. Die Nachkriegszeit bis ungefähr Mitte der 90ger Jahre war noch übersichtlich und zu begreifen. Kennzeichnend für die letzten zwei bis drei Jahrzehnten scheint mir die Schnelligkeit der Veränderungen zu sein – eine Schnelligkeit, die es in der Geschichte der Menschheit noch nie gab. Dies führt zu Abwehrhaltungen gegenüber dem »Neuen« und ihren politischen Vertretern, den etablierten Parteien – ein europäisches Phänomen mit nationalspezifischen Ausprägungen. Die Spaltung unserer Gesellschaft und die mangelnde Möglichkeit, die eigene Situation und die Situation der Kinder zu verändern, führt zur Abkehr von den etablierten Parteien und zum Aufkommen des Populismus.

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