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Lembergs Literatur

Das Lissabon von Fernando Pessoa, das Paris von Balzac, Zola, Baudelaire, Proust und Appollinaire, von George Perec und Patric Modiano; das Petersburg von Puschkin, Gogol, Dostojevski, von Belyj, Blok und Achmatowa, das Rom von Alberto Moravia, Italo Calvino und Paolo Pasolini, das London von Dickens, R. L. Stevenson, Conan Doyle, Virginia Woolf, Evelyn Waugh und Somerset Maugham. Das Dublin von Joyce. Das Prag von Kafka, Rilke und Meyrink, Hašek, Hrabal und Kundera. Von Wien in der Literatur, vom literarischen Wien, gar nicht zu sprechen, Wien besteht fast vollständig aus Literatur, nicht etwa weil es Wien außerhalb der Literatur nicht gäbe, sondern weil es so ziemlich lückenlos von der Literatur erfasst wurde und wird.

Es gibt große Literaturmetropolen, nicht immer sind es Kapitalen, meistens aber schon. Literaturstadt zu werden kommt auf verschiedenen Wegen zustande (oft genug sind das alle Wege zusammengenommen): es ist nicht nur die Anzahl und Qualität der in einer Stadt lebenden Autoren und deren Werke, nicht nur die Häufigkeit, mit der eine Stadt zum Schauplatz der Handlung auserwählt wird, sondern zum Beispiel auch, wie sehr eine Stadt selber zum literarischen Topos geworden ist, ja zum Text, inwiefern und wie gut eine Stadt (kon)textualisiert wurde, ihre Textur zu Text, inwieweit also ein Stadttext vorliegt. Manchmal genügt ein einziger Autor, um eine Stadt in einen Literaturtopos zu verwandeln: Bruno Schulz für Drohobycz ist der beste Beweis, oder Ingeborg Bachmann für Klagenfurt.

Literarische Aura, literarische Legende und literarischer Mythos sind weitere mögliche Dimensionen von Literaturstädten.

In dieser Hinsicht gehört Lemberg zweifelsohne zu den ganz großen Literaturstädten Europas. Seine Aura strahlt weit aus und ist meistens stärker als die genaue Kenntnis seiner Literatur. Es ist deshalb immer sehr ratsam, eine möglichst genaue spektrale Analyse dieser Aura zu wagen, die erst, obwohl langwierig und mühsam, die wahren Schätze dieser Literatur zutage bringt, auch außerhalb der ganz großen Namen. Auch an diesen fehlt es nicht, seit Jahrhunderten wird an einem überaus reichhaltigen Stadttext weiter geschrieben: das Lemberg von Zimorowicz und Zapolska, Fredro und Franko, Parandowski und Lem, Bohdan-Ihor Antonyč und Hryc'ko Čubaj, Wittlin und Roth, von Deborah Vogel, Zygmunt Haupt, Adam Zagajewski, Juri Andruchowytsch, Juri Wynnyčuk und Viktor Neborak.

7 Diese Stadt kommt vor oder findet zumindest Erwähnung bei so bedeutenden Autoren der Weltliteratur wie Jacomo Casanova, Leopold von Sacher-Masoch, Alfred Döblin, Alexander Granach, Günter Eich, Heinrich Böll, Thomas Pinchon, Louis Begley , Jonathan Safran Foer.

Hier wirkten Jan Kasprowicz und Bohdan Lepkyj, Leopold Staff und Mykola Ustyjanowyč, Karol Irzykowski und Mychajlo Jackiv , Roman Ingarden, , Stanisław Jerzy Lec und Mychajlo Rudnyc'kyj, Iryna Wilde, Roman Iwanyčuk, Oleh Lyšeha und Ihor Kalynec.

Hier verbrachten Joseph Conrad und Martin Buber einen Teil ihrer Kindheit, Joseph Roth und Milena Rudnyc'ka einen Teil ihrer Jugend. Scholem Aleichem lebte hier eine Zeit lang, Bruno Schulz und Wasyl Stefanyk waren hier oft und Teil der hiesigen Literaturszene, Mychajlo Drahomanov, Lesja Ukrajinka und Mychajlo Kocjubynskyj.

Hier kamen Sacher-Masoch, Stanisław Lem, Zbigniew Herbert und Adam Zagajewski zur Welt (alle mussten dann aber weg und gelangten woanders zu Weltruhm).

Hier waren Balzac, Henryk Sienkiewicz, Georg Brandes, Ethel Lilian Voynich, Maria Konopnicka starb und ruht hier, Leskow, Tschechow, Aleksej Tolstoj, Sartre, Venclova.

Lembergs Stadttext ist alt, lang, komplex, vielfältig, dicht.

Doch das Wichtigste daran ist, dass Lemberg eine etwas anders bedeutende Literaturmetropole ist als die eben erwähnten Weltliteraturmetropolen. Das Besondere an seinem Status und an seiner Literatur ist, dass es nicht unbedingt die berühmtesten Namen und Werke der Weltliteratur sind, die sie primär ausmachen. Das wirklich Größte an Lembergs literarischer Bedeutung sind ihre einmaligen Konstellationen, die Zusammensetzung ihrer historischen Abläufe. Wer sich damit nur ausreichend beschäftigt, wird reichlich belohnt.

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