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Rubrik: Büchertagebuch
Ralf Willms, Phobos. Notat-Gedichte, Heidelberg (Manutius) 2012, 111 Seiten

Der Gedanke der Einseitigkeit stört die Menschen, sie denken sich gern eine andere Seite hinzu und schmücken sie mit eigenem Seelenstoff aus, vor allem, wo es sich nicht um Gegenstände, sondern um Menschen handelt – Menschen wie du und ich, vor allem ich, der ich vielseitig bin wie kaum jemand sonst. Ein Autor hat den Vorteil, dass er in seinen Büchern dem Leser eine Seite nach der anderen zum Erblättern hinhält: Da habt ihr eine Seite von mir, ihr könnt auch eine andere dafür nehmen, ganz wie es euch beliebt. Der Leser erkennt schnell, dass viele Seiten nur Übergänge darstellen. Einige hingegen stehen ganz für sich und damit für den Autor: Was will er uns damit sagen? Das fragt die lesende Vernunft, die bekanntlich stets eine ablesende ist, so wie der Stromableser keinen Strom erzeugt, sondern sich mit der Information zufriedengibt, um sie an andere weiterzureichen. Die entscheidende Frage lautet daher stets: Für wen liest der Leser?

*

»ich hab die Welt aufgegeben«, sagte er, es ist
was ich meine, nicht rauszubekommen aus ihr?

An diesem Satz stört das Fragezeichen. Es stört nicht wirklich, die Störung, die von ihm ausgeht, provoziert nur einen Gedanken: Ach – er ist sich nicht sicher? Interessant. Was daran interessant sein soll, wird vertagt. Man kann nicht alles wissen, manches ist einfach nicht rauszubekommen, man muss es stehen lassen und damit Basta. Steht das nicht so ähnlich im Text? Aber die Welt? Man muss sie stehen lassen, ganz recht, sie schert sich den Teufel um das, was ich meine, meine ich das? Meint ›er‹ das? Warum dann das Fragezeichen? Wo liegt die Versuchung? Könnte die Welt am Ende nicht doch … alles das sein, was ich meine? Dafür sprächen die Folgezeilen:

sie bleibt dumm, sie bleibt hell, sie wird
prinzipiell bleiben, wie sie ist
mit allem Erinnern, allem Vergessen
resistent gegenüber angemessenen Einlösungen

Aber warum dann sie? Warum nicht ich? Bin das nicht ich, von dem diese Zeilen reden? Warum der Welt einen Vorwurf daraus machen, wie ich bin? Müsste es in ihr anders zugehen, damit es richtig zugeht?

echte Erfahrungen lösen sich in sich selbst auf u.
verschwinden, sind ggf. nachzulesen, wer
versteht noch ein Wort.

Falls das ein Vorwurf ist, geht er ins Leere. Mir geht’s mit der Welt wie ihr mit mir. Beide Seiten bleiben sich nichts schuldig, dennoch schreiben sie an. Das Anschreiben ist zwischen beiden so geläufig, dass jede für ihren Anschrieb den des anderen löscht, jedenfalls hin und wieder, jedenfalls ungenau, so dass, was immer stehenbleibt, zur Unverständlichkeit tendiert. Dennoch: Wer genau hinsieht, weiß, dass es sich um Forderungen handelt, die irgendwann eingelöst werden müssen. Wann? Es gibt ein Fälligkeitsdatum, sagen die Religiösen, es gibt ein Verfallsdatum, erwidern die Naturalisten: den einen ist komplett gleichgültig, worum es den anderen am Ende geht. Darum also scheint es zu gehen: um die Verschränkung von Fälligkeits- und Verfallsdatum.

Sie werden ihn im Zweifelsfall
wieder steinigen, egal mit welchen Mitteln, ein Kind wird das
alles wegwischen
indem es sich auf die unschuldigste Weise Pommes wünscht

›Welt‹ ist das, worin das Pathos der Existenz erlischt – also jeder Einzelne, also alle zusammen, also das Gemeinsame, das zur Gemeinheit tendiert.
An dieser Stelle entsteht ein Raunen im Raum und es erhebt sich die Frage: Aber die Liebe?

sie wird Liebe schwören u. ihn wegen der Stelle in Madrid
verlassen; es wird einer studieren, zu einer
»neuen« Ethik kommen, während der Amtsbruder sie und ihn
mit seinen proletarischen Maßstäben, staatlich gedeckt,
denunziert.

So ist es. Vielmehr: So ist es nicht. Wie dann? Abgeklärt, wie ich, der Lesende, nun einmal bin, will ich nur dies: eines Besseren belehrt werden. Wer ist zur Stelle, um mich eines Besseren zu belehren? Der Autor, der sich nicht damit abzufinden scheint? Aber schreibend findet er sich doch damit ab. Auch mit mir, dem Leser, der das Geschriebene hinnimmt und sein »So ist es« danebenlegt, findet er sich ab. Womit er sich nicht abfindet, das ist der Leser als Endstation des Geschriebenen. Klug delegiert er an ihn die Aufgabe, eine andere Welt erstehen zu lassen: Der Leser ist schuld, wenn alles so bleibt, wie es ist. Wieso er? Nun denn: Weil er es versäumt, die Kunde weiterzureichen:

Es
geht gar nicht anders…: sie werden ihr Leben
auf deinem Tod errichten, ohne es zu wissen

ohne es wissen zu wollen

ohne ein Zeichen zu senden; für wen auch –

›Generation Wende‹: So ließe sich diese Seite überschreiben. Doch das versteht sich von selbst und so bleibt sie: ohne Titel. Die Wende, die ersehnte, unmögliche, an viele Wände (und Stellwände) projizierte und um so alternativloser ersehnte Wende, die einst in der östlichen ›Wende‹ ihr pragmatisches Widerspiel fand und seither, soweit sie nicht als ›Energiewende‹ einen neuen Auslauf in Geschäfts- und Kinderseelen gefunden hat, fade im Gemüt der verlassenen Kinder des ’68er Zoos vor sich hindümpelt, sie gründet auf diesem Gefühl des ›am Ende‹ sinnlosen, des nicht weitergereichten Lebens, sei es der Älteren, von deren Erfahrung man sich abschnitt, sei es des eigenen, das (in seinen Schmerzen und Enttäuschungen ebenso wie in seinen Einsichten) zu widerlegen die Brut der Jüngeren bereits antritt, motiviert und herausgeputzt durch Maschinen des öffentlichen Interesses, über dessen Hintergründe man wenig weiß. Diese Welt ist versiegelt – und niemand kennt eine andere.
Nur die Schreihälse wissen es noch nicht.
Über das ›noch‹ ließe sich streiten.

Aber wenn es nicht anders geht – wie soll es dann gehen?

Das lassen wir jetzt mal so stehen.

*

Mich wundert, dass Historiker nicht längst den Begriff ›Sattelzeit‹ auf die sechziger (und frühen siebziger) Jahre des letzten Jahrhunderts angewandt haben. Die ›Umprägung aller Begriffe‹, die damals in Nordamerika und im Westen Europas stattfand, steht der des späten achtzehnten Jahrhunderts, für die Koselleck den Ausdruck erfand, in nichts nach. Neben den Begriffen (und dem allgemeinen ›Lebensgefühl‹) wandelte sich damals auch der Erfahrungsgehalt der Generation. Es ist ein Unterschied, ob man als Erbe eines Familienvermögens oder als Erbe einer Gesellschaft an die Melancholie gerät. Wer die Gegenwart als fortdauernde falsche Vergangenheit interpretiert – als post- und neofascist era –, dem bleibt nur der Sprung in die Zukunft … nicht die ungewisse, die jedem bevorsteht, sondern in die aus Reinigungen hervorsteigende Menschheitszukunft, in der alle Makel der Vergangenheit getilgt sind. Dieser Sprung lässt sich nicht auf Dauer stellen, jedenfalls nicht im Einzelnen, sofern er halbwegs bei Verstand bleibt. Man muss also immer neue Generationen in die Schlacht schicken, aus der sie, wenn überhaupt, als Invaliden ausscheiden, nachdem ihre als kostbar gehätschelte ›Verletzlichkeit‹ einst ihrer Rekrutierung diente. Unter ihnen bilden die Invaliden des Geschlechterkampfes eine eigene Spezies. Auf ihnen lastet die Vergeblichkeit aller Versuche, der eigenen Generation zu entkommen, in besonderer Weise. Im Universum der Woodstock-Zöglinge hat die Verengung des Geschlechts auf sex (und seine psychosozialen Spielarten) Züge angenommen, die von der älteren Gesellschaft als ›paranoid‹ angesehen worden wären und seither von den Zeichenkundigen als ›traumatisch‹ verbucht werden. Auskunft darüber geben die Gerichtssäle und, noch immer, die Literatur, jedenfalls der Zweig von ihr, den seelische Not erfinderisch macht.