Drucken
Rubrik: Büchertagebuch
Siegmar Faust: Der Provokateur. Ein politischer Roman, München (Herbig) 1999

Ob einer von der Gedankenlosigkeit seiner Mitmenschen überzeugt ist oder ihnen gedankenloses Überzeugtsein attestiert, kommt irgendwann auf dasselbe heraus. Es liegt darin sowohl eine Unter- als auch eine Überforderung: Wer mir Gedankenlosigkeit unterstellt, der erleichtert es mir, Gedanken zu äußern, die ich sonst nie geäußert hätte, bloß aus Verletztsein, um zu verletzen – Gedanken, die so wenig zu mir passen, dass der eine oder andere Mitmensch zusammenzuckt und sich fragt, wie gerade ich dazu komme, sie zu äußern. Würde er sich nur fragen! Er fragt sich aber in der Regel nicht wirklich, sondern nur pro forma und hakt mich ab. Pro forma denkt auch der Überforderte: Das ist ein Angriff und ich werfe alle mir verbliebenen Kräfte in die Schlacht, um ihn abzuwehren. Soll heißen: völlige Freiheit und völlige Unfreiheit liefern täuschend ähnliche Resultate.

Wer im öffentlichen Leben eines Landes überfordert, wer unterfordert ist, das lässt sich nicht immer leicht erkennen. Beide eint, dass sie ihr Gift verspritzen, wann und wo sie Gelegenheit dazu finden. Gewiss wäre an dieser Stelle ein Beispiel angebracht, vielleicht zwei oder drei, es soll aber unterbleiben. Warum? Weil bei alledem ein Gedanke fehlt: Keine Herausforderung ist grenzenlos. Das zu erkennen ist die Voraussetzung jeder Verteidigung. Wer die Schwachstellen des Gegners sucht und erkennt, in dessen Gehirn hat das Denken ›pro forma‹ keinen Platz. Er denkt konkret. Das bedeutet: Er konzentriert sich auf das Angemessene. Es bedeutet ferner: Wo kein solcher Gegner existiert, geht die Konzentration ins Leere. Diese Leere zu füllen ist die Aufgabe einer guten Redaktion. Um den Eindruck der Leere gar nicht erst aufkommen zu lassen, gibt es drei Wege… Aber warum schreibe ich das?

Ganz einfach: Der dritte Weg ist der beste. Er hebt die Einseitigkeiten des ersten und zweiten auf und lässt das Geschrei verstummen, das sie begleitet. Das Motto des dritten Weges lautet: Wir brauchen keinen Feind, es sei denn, wir basteln ihn uns selbst. Aus was bastelt man einen Feind? Am besten aus Abfällen, bei Bedarf auch aus Abfälligkeiten, die sonst ungenutzt liegenblieben, auch wenn sie jeder schon einmal gedacht hat. Abfällig reden, abfällig urteilen: Das ist, unter Bedarfsgesichtspunkten harter Öffentlichkeitsarbeit, bereits die halbe Miete. So wie die Abfallbeseitigungswirtschaft auf Nachhaltigkeit abonniert ist, wie jeder an der örtlichen Müllkippe beobachten kann, der den Weg dorthin nicht scheut, so ist die Produktion von Abfälligkeiten darauf ausgerichtet, den Schaden, den sie produziert, auf Dauer zu stellen. Daher folgt sie dem Grundsatz, niemals zurückzunehmen, was einmal unters Volk gebracht wurde, gleichgültig, ob es sich um eine verdrehte Behauptung, die Verdrehung einer Behauptung oder die Enthauptung eines Sachverhalts durch Verdrehung darstellt, von einfachen Beschimpfungen einmal abgesehen.

Ein vom DDR-Regime malträtierter Schriftsteller, der vor über vierzig Jahren, also vor einer für viele Heutige unfassbar langen Zeit, in den Westen freigekauft wurde, um in Rede und Schrift Zeugnis abzulegen wider die Barbarei seiner Quälgeister, musste rasch feststellen, dass die Leute, die ihn freigekauft hatten, nicht das Kulturleben des Landes repräsentierten, in dem mitzumischen er sich mit einem gewissen Neulings-Enthusiasmus entschlossen hatte. Dem einen war’s recht, dem anderen wurde es zum Problem. Dem Gezeichneten blieb die Möglichkeit, dankbar unterzutauchen und unauffällig in der Szene mitzuschwimmen, oder die krasse Wahrnehmungsdissonanz in sein Vortragsprogramm aufzunehmen, die ihm aus den Äußerungen von, wie er noch immer zu wissen meinte, Angehörigen seiner Klasse, der klassenlosen Klasse der Intellektuellen entgegenschlug.

Eins der Bücher, die aus dieser Lage heraus entstanden, fehlte bis vor kurzem in meiner Sammlung, der Autor hat’s nachgeliefert, hier ein Zitat:

Alle sahen gespannt zu Bob und an die Tafel. Raffiniert fädelte er sich in die Hirne und Herzen der meisten Zuhörer: »Das, was ich hier versuche, ist lieblos, ist Verrat am Menschen, wie mich Max Frisch belehren würde. Aber da ich Systematik und Schubkastenhuberei ohnehin nicht sonderlich ernst nehme, kann ich es mir hoffentlich erlauben, betont subjektiv, was wiederum fast soviel wie willkürlich heißt, ein paar Namen, hinter denen Menschenschicksale stehen, nach einem Muster zu ordnen. Die horizontale Linie, in der man einen Stacheldraht sehen soll, stellt die sogenannte deutsch-deutsche Grenze dar, die endlich gefallen ist, zumindest äußerlich. Unterm Strich teile ich diejenigen in drei symbolisch zu verstehende Gruppen auf, die in der ehemaligen ›DDR‹, oder wie ich sage: in Mitteldeutschland aufgewachsen sind und sich dort mehr oder weniger zu Schriftstellern entwickelten, auch wenn sie, wie etwa Tina Österreich, Siegfried Heinrichs oder Chaim Noll, ja sogar Borkowski, Schädlich, Hilbig, Schacht, Hultenreich … Entschuldigung! Hultenreich steht ja nicht an der Tafel … die also in ihrer eigentlichen Heimat so gut wie nie etwas veröffentlichen konnten. Das sind jene, die man auf irgend eine Weise vertrieben hat. Überm Strich stehen die Standhaften, die es auf sich nahmen, bis zum bitteren Ende sogenannte ›DDR‹-Schriftsteller zu bleiben. Links oben jene, die mit dem System aufgekommen sind und mit ihm untergehen müssen. Die nehmen den Rang derer ein, die in der Nazizeit der Reichsschrifttumskammer dienten. Meine Freunde bezeichnen sie als ›Staatstrompeten‹. Dass darunter durchaus begabte Schriftsteller fallen, wie vielleicht Hermann Kant, na, das kann nur strafverschärfend gelten. Übrigens sagt diese Einteilung nichts über Talent, Erfolg, Fleiß oder literarische Gattung aus, sondern es sind hier nur die politischen Unterscheidungen von mir beabsichtigt. In der mittleren Gruppe überm Strich, na, da werden Sie die meisten Autoren wenigstens vom Namen her kennen. Die fasse ich unter den Begriff ›Edeloppositionelle‹ zusammen, weil ihre Bücher, denken wir an Brauns Texte um ›Hinze und Kunze‹, an Heyms ›König David Bericht‹, an Christa Wolfs ›Kassandra‹ oder an ›Die neuen Leiden des jungen W.‹ von Ulrich Plenzdorf, hier im Westen schon als Opposition gehandelt oder gar gefeiert wurden. Diese ›Edeloppositionellen‹ haben zwar von innen die engen geistigen Grenzen durchaus ein paar Zentimeter nach außen verschoben, doch überwiegend stabilisierten sie das System. Ihre Opposition war unwesentlich, weil viel zu sehr auf Scheinprobleme fixiert. … Insofern ließen sie sich vom Staat hoch dekorieren und als kritische Aushängeschilder benutzen. Kritisch, ja, das waren sie, aber eben nicht oppositionell, auch wenn sie in ihren Stasi-Akten als ›feindlich-negativ‹ geführt worden sein sollten. Mit ihrer Intelligenz, mit ihrer Begabung haben sie sich mehr oder weniger korrumpieren lassen. Manche haben’s vielleicht nicht sonderlich gemerkt, sensibel, wie Künstler nun eben mal sind ...«

Und wie sieht es unterm Strich aus?

»… Die Einteilung unterm Strich besagt grob Folgendes: links die Linken, also jene, die sich selber so bezeichnen, sogar mit gewissem Stolz, was links immer auch heißen mag. Jürgen Fuchs bezeichnete es einmal als Kritik an der Macht. Ich halte seine Auffassung für eine Verwässerung, eine Verharmlosung, weil auch jene sie unterschreiben können, die sich als Rechte einstufen, obwohl sich von den Intellektuellen nur wenige freiwillig so einordnen würden; eher als konservativ. Ich halte die Spitzenreiter der linken und rechten Gruppe, also Biermann und Kunze, für bedeutende deutsche Dichter. Die politische Betrachtungsweise beider auf ihre sie umgebende Welt, also ihre Weltanschauung, schafft die Differenzen, die sie voneinander unterscheidet. Dadurch wird unsere pluralistische Welt ja erst richtig schön und vielseitig, obwohl beide Anschauungen nur die zwei Seiten einer Welt-Medaille sind. Na, das war keine besonders gelungene Metafer. Aber ich hoffe, Sie verstehen, was ich meine.«
Bob sah aus Verlegenheit wieder mal auf die Armbanduhr, zwei Schüler in seinem Blickfeld taten es ihm gleich. Er hatte Mühe, sich zu konzentrieren. Im Innersten war es ihm zuwider, vor diesen naiven Gemütern so über einige seiner Kollegen herzufallen, andererseits…
Ja bitte!« forderte Bob den wohlgenährten, bärtigen Deutschlehrer aus dem Frankenland auf.
»Soll das heißen, dass unten alles spiegelverkehrt zu oben ist?«
Einige Schüler grinsten.

Was meint der Lehrer? Was mag er meinen?

»Ich meine«, fuhr der Lehrer fort, »wenn oben die affirmativen Schriftsteller des DDR-typischen Sozialismus aufgereiht sind, dann sind sie, die auch hier bei uns an den Sozialismus glauben, in der Reihe darunter, nun hier im Kapitalismus die Oppositionellen. Und die drüben, wie Reiner Kunze, die Oppositionellen waren, sind hier dann die Affirmativen, die Angepassten…«

Soweit die Stimmen aus einem anderen Jahrtausend. Heute sitzen in Redaktionen Journalisten, die nicht zu wissen scheinen, dass solche Gespräche jemals geführt wurden. Symposien, auf denen symposiert, was nicht zusammengehört, sind an ihre Stelle getreten. Nicht immer ist der Malträtierte mit dem Sinn für verdeckte Zensur ein willkommener Gast. Die Schlachten sind geschlagen, der Krieg ist vorbei, nicht ganz, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Wer bestimmt, was links ist? Wer bestimmt, wer links ist? Im einen Fall die Partei, im anderen, gefragt oder ungefragt, die Person mit ihren Vorstellungen und Erfahrungen. Im dritten … nun, im dritten, naiv oder nicht, der Denunziantenstadl, dem alles unten wie oben, links wie rechts gerät, Hauptsache, es ist etwas, mit dem sich rechten und linken lässt. Genausogut ließe sich natürlich sagen: Es fehlt etwas, zum Beispiel der Wille zur Auseinandersetzung mit dem, was doch deutlich gesagt wurde, und es regiert stattdessen das Gesetz der verdrehten Symmetrie – Hauptsache, man lässt keinen Augenblick aus dem Auge, in welchem System man sich gerade bewegt und Verdienste erwirbt.

Sagen wir: ich möchte mir das Gefühl, in einem freien Land zu leben, in dem einer sagt – und schreibt –, was er denkt, ohne eins ›in die Fresse‹ zu bekommen, nicht rauben lassen, heute nicht und morgen nicht, am besten bis ans Ende meiner Tage, genau darum geht es. Es ist nicht aller Tage Abend und es besteht kein Grund, gerade heute »Gute Nacht« zu sagen. Der Sog ist vorhanden. Er kommt aus dem Osten der Republik, soweit er sich jetzt, nachdem vieles im Abgrund des schaffenden Erinnerns verschwand, wieder auszukennen meint, er kommt aus dem Westen der Republik, aus den Klippschulen der Besserwisserei, die von Zeit zu Zeit maßlos wird und über die Stränge schlägt, er kommt aus einer Zeitentiefe, die Religions- und Gesinnungskriege der fürchterlichsten Art birgt, er kommt aus der hohlen Hand von Leuten, die Wasser zu schöpfen meinen und dabei nur anderen vor dem Gesicht herumfuchteln, um sich selbst zu beeindrucken und Eindruck zu schinden. Es wird Zeit, dass der wachere Teil der Republik sein Gewicht in die Waagschale wirft und – nein, nicht versichert, sondern beweist: So ist es nicht.