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Rubrik: Büchertagebuch

Zitat

denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

 

Notiz

Während die Anderen durch die neuen Verhältnisse in ihrem Verhalten in die einzig verbliebene Richtung gedrängt wurden, fand in mir zwar ebenfalls der alchymische Prozess der Umwandlung statt, aber mein Bestreben nach außen war, mich innerhalb des geschlossenen Systems möglichst aus dem Retortenversuch und der Retortenentstehung der Anderen herauszuhalten – innerhalb der Vakuole zwar, doch nicht Teil des Umformungsprozesses, der in dieser stattfand, sondern der in mir stattfand – und das hieß von Anfang an, möglichst keine oder nur unvermeidbare gesellschaftliche Verhältnisse einzugehen...

Die Freiheit in der Beschränkung, die mir verblieb, war ihrer Art und ihrem Genuß nach um vieles größer als die, welche mir aus dem Nachgeben an die Verführung und die Versuchung erwachsen wäre – dem Angebot einer unlauteren Sicherheit, nicht gewonnen, sondern verspielt, verflossen, aufgelöst...

Damals habe ich den Grundstein zu mir und meiner Arbeit gelegt. Ich begab mich in die Wildnis meiner Unabhängigkeit, sammelte die Bruchstücke einer zertrümmerten Freiheit und setzte sie zu ihrem Torso zusammen. In der Sekunde, da die Freiheit des Landes vorbei war, entstand sie unter den neuen Bedingungen in mir erst recht. Sie lehrte mich die Unfähigkeit, von allem, was Obrigkeit oder Macht hieß, beeindruckt zu sein (Wert der Unfähigkeit).

Ich war hemmungslos, angstfrei und nicht mehr einzuschüchtern (Ziel des geschlossenen Gebildes), weil ich wußte : da ich mir die Einsperrung habe gefallen lassen, brauche ich mir alles andere nicht gefallen zu lassen – im Gegenteil: »die« müssen sich von mir alles gefallen lassen...

Innerlich frei zu sein, schon wegen der äußerlichen Unfreiheit, im Gegensatz zu den Anderen, deren Verstellung für mich eine Entstellung war. Ich verstellte mich nicht. Bezogen auf das Ganze war meine Einsperrung zwar immer noch weit mehr als nur ein Schönheitsfehler an meiner sonst durch nichts ein oder zu beschränkenden Freiheit, aber ich kompensierte den Mangel überschwenglich mit allem, was ich entgegenzusetzen hatte. Ich war nicht nützlich, aber ich wußte das mir Verbliebene zu nutzen, ohne es oder mich benutzen zu lassen...

So wurde ich zur Wirkung meiner eigenen Ursache – den Dichter bildet sein Selbst.

Ich konnte zwar nicht fliehen, aber (zunächst) auch nicht vertrieben werden. Meine ganze Energie wäre in der weiten offenen Welt verstaucht, verpufft – nun aber prallte sie an den mir aufgezwungenen Grenzen ab und zurück, traf mich direkt und wirkte unmittelbar auf mich ein. Die veränderten Verhältnisse lenkten meine ganze Kraft auf mich und sie wandelte mich um und um...

 

Resultat

 

 

antwort

mein leben
hat mich
verändert

 

 

Rainer Maria Rilke: Der Neuen Gedichte anderer Teil (1908)