Ulrich Schödlbauer

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Jeder Erdenbürger kann von sich sagen: Ich habe Koop-het®. Dazu bedarf es keiner Symptome. Im Gegenteil: Gerade die Abwesenheit von Symptomen deutet darauf hin, dass da etwas sein könnte. Idealiter liegt das prozentuale Verhältnis von Nichtsymptomatikern und Symptomatikern bei 80 : 20, kann sich aber bei Bedarf verschieben. Der Vorteil gerade dieser Verteilung liegt auf der Hand: Keiner darf sicher sein, kein Koop-het®-Träger zu sein, keiner bleibt ausgeschlossen aus dem Reigen der schützend zu Beschützenden, keiner kann den rotzigen Part des Nichtbetroffenen mimen. Denn auch die Geheilten – oh ja, es gibt sie, die Geheilten! – sind ein wichtiger Teil des Reigens, sie haben in den aufgerissenen Rachen der Hölle geblickt und wurden gerettet, sie allein sind die wahrhaft Heilen mit einer ganz ganz wichtigen Botschaft, der sich keiner entziehen kann.

Wo, werden Sie angesichts dieser Suada fragen, bleibt der Schutz, der effektive Schutz, ohne den wir weder den Pschyrembel noch irgendwelche angeschleppten Krankheitsdefinitionen bräuchten? DAS DING, wie wir es nennen, die Maske jedenfalls … wissen Sie, die Spatzen pfeifen es von den Dächern, da muss ich als alter Koop-het®-Entwickler nicht auch noch ins Horn der Leugner… Wie krank wäre das denn? Also: Wozu tragen wir sie überhaupt? Wie jedes religiöse Symbol ist auch die Maske durchlässig, geradezu anfällig für Fehldeutungen und krasse Leugnungen. Wie der religiöse Mensch durch die Finger sieht, so atmet der Koop-het-Gläubige durch die Maske. Ein Hersteller schrieb ins Kleingedruckte: Sie verhindert effektiv, sich an die eigene Nase zu fassen. Und das ist die Wahrheit, die reine Wahrheit. Wer mehr Schutz sucht, dem sei verraten: Gerade das macht ihn zum Koop-het-Adepten. Koop-het-Leute sind Schutzsuchende – das ist in diesen kalten und unberechenbaren Zeitläuften eine ganze Menge. Wo sie Schutz finden, wie sie ihn finden, das wird ihnen zwar nicht zur Gänze überlassen, aber es bleibt doch weitgehend in ihre Hände gelegt, so dass die schütteren Zusatzmaßnahmen der Regierung, das rituelle Händewaschen, der Mindestabstand, die Maskenpflicht, die Aus- und Zugangsverbote, die Grenzschließungen und Quarantäne-Anordnungen, das Verbot der einfachsten wie der originellsten Tätigkeiten aufgrund ihrer vermuteten Gefährlichkeit für eine gesunde Allgemeinheit nur wie der berühmte Tropfen auf den heißen Stein wirken, der zwar einerseits nichts (oder fast nichts) bewirkt, aber andererseits dieses unauslöschliche Verlangen nach mehr Maßnahmen erzeugt, dem sich eine dem gesunden Volkskörper verpflichtete Regierung nur unter äußersten Mühen, wenn überhaupt, verschließen kann.

Ich habe vor der Implantierung des Systems mit Politikern geredet und sie bewegte nur eine Frage: Bringt es Wählerstimmen? Wie viele Wählerstimmen bringt es? Wir haben die Firma Digital Vote Research kontaktiert, die solche Aufgaben im Handumdrehen erledigt, und ihre Ergebnisse fielen, vorsichtig gesprochen, sehr ermutigend aus. Stellen Sie die Menschen vor die Entscheidung, was ihnen wichtiger ist – ganz nackt: Sicherheit oder Freiheit? Dann bekommen Sie eine Verteilung von 80 : 20 Prozent. Das Verhältnis sollte Ihnen mittlerweile bekannt vorkommen. Es gibt den Goldenen Schnitt und es gibt den Schnitt, den, Hand aufs Herz, jeder in seinem Leben machen möchte. Man lebt nur einmal. Ganz sicher gilt das für die sterblichen Gottheiten der Moderne, die globalen Konzerne mit ihren unendlich regen, unendlich beweglichen Tentakeln, die in jede Regierungszentrale hineinreichen und vollkommen gegenwartszentriert sind, obwohl die Planungen in die Jahrzehnte gehen. Genauso sicher gilt es für die Halbgötter der Geschäftswelt, die ihren Schnitt bereits gemacht haben und nun auf Verdoppelung oder Verzwanzigfachung ihres Vermögens wetten. Ein Nichts, ein Wicht geradezu wie ich muss versuchen, diese Mächte für sich arbeiten zu lassen, will er in diesem Leben Erfolg haben. Er kommt aber nicht an sie heran. Genau genommen besteht darin sein Dilemma.

Sie fragen nach dem Schutz? Sehen Sie, wenn Sie eine Krankheit verkaufen, dann verkaufen Sie (A) entweder ein Diagnose-Tool, sagen wir einen Test samt zugehöriger Krankheitsbeschreibung, oder Sie (B) verkaufen eine Heilungsperspektive, aus der Sie sorgsam alles entfernen, was den versprochenen Erfolg in Frage stellen oder in ein schiefes Licht rücken könnte. Ich bekenne mich frank und frei zum Typus A, mit den Machenschaften von B habe ich nichts im Sinn. Wenn Sie mich jetzt fragen, wie sicher mein Diagnose-Tool in der Praxis funktioniert, dann bekenne ich ebenso frank und frei: 80 : 20. Woher ich das weiß? Gar nicht, woher sollte ich es wissen? Es bedeutet, wenn Sie so wollen, eine gute Relation, und das genügt mir. Wenn Sie sich vor die Kameras stellen und erklären, ein Viertel der Bevölkerung bevorzuge das und das, dann berufen Sie sich damit auf einen Machtfaktor, an dem keiner vorbeikommt. Wenn Sie aber, und sei es in derselben Sendung, die Bemerkung fallen lassen, zwanzig Prozent der Bevölkerung glaubten dies oder lehnten jenes ab, dann reden Sie von einem Bodensatz, vor dem jeder aparten Moderatorin graust. Zwanzig Prozent zählen nicht, man nimmt sie einfach in Kauf. Zwanzig Prozent Fehldiagnosen sind ein Ärgernis, aber kein Beinbruch. Zwanzig Prozent Fehlerquote bei einem Test, von dessen Wirkungsweise nur ein paar Laborfanatiker etwas verstehen, sind ein Klacks. Egal wie der Test ausfällt: Ihre Aufgabe als Verkäufer besteht darin, sich hinzustellen und zu erklären: Die Fehlerquote liegt unter zwanzig Prozent, vermutlich weit darunter, vermutlich bei einem Prozent, aber das wissen wir derzeit nicht.

Worin besteht das Spiel? Wenn Sie einen Test entwickeln, einen erfolgreichen oder, bleiben wir vorsichtig, erfolgversprechenden Test – ich meine das jetzt unter Marketing-Gesichtspunkten –, dann laufen sich auf der anderen Seite der Bande die Heilungsspezialisten warm. Und wenn die Heilung ins Spiel kommt … Sie wissen schon, Heilung ist Big Business, da gehen Leute ins Rennen, die gar nichts anbrennen lassen, da ist immer viel Luft nach oben drin, das stimmt einfach so. Da kommt dann schnell mal ein Minister vorbei und fragt, wie’s aussieht und wann er seine Medienkonferenz ansetzen kann. Solche Dinge müssen schließlich geplant sein, sie brauchen ein Umfeld.

Ich sehe, Sie nicken, also erzähle ich Ihnen nichts Neues. Ich erwähne es auch eher der Vollständigkeit halber, wir entfernen uns wieder vom Tinnitus-Rauschen, ich beeile mich schon. Am besten macht sich natürlich ein neuer Impfstoff. Mit Impfstoffen kriegen Sie jeden Politiker. Das Kribbeln in den Fingern muss außerordentlich sein. Wie lautet der Anfang eines typischen Bittgebets? Verschone mich… Darin liegt schon das ganze Geschäftsmodell. Impfstoffe lassen sich seriell verabreichen, also bedarf es keiner ärztlichen Bemühung um den einzelnen Patienten: Damit lässt sich Staat machen. Impfstaat und Gesundheitsstaat sind eins. Wenn Sie mich fragen: Der Staat, dieser Staat, unser Staat impft seine Bürger Tag für Tag, er impft sie mit Botschaften, Phrasen, Floskeln, verweigerten und gestreuten Informationen, mit Fingerzeigen, ob ins richtige oder falsche Eck, tut nichts zur Sache, da es hier nicht um richtig oder falsch geht, obwohl alles so dargestellt wird, als gehe es um nichts anderes als um richtig oder falsch, er impft sie, sagt mein Partner, der ein paar Beamte aus dem Regierungsapparat persönlich kennt, damit sie gegen die Floskeln des politischen Gegners resistent werden. Doch den Impfstoff gewinnt er aus Partei-Floskeln, so dass die Bevölkerung als erstes eine Resistenz gegen die aktuell Herrschenden aufbaut. Übertragen Sie das auf das medizinische Impfen, dann bedeutet es: Der Staat zieht sich seine Impfgegner selbst. Am Ende darf niemand, den es angeht, überrascht sein, dem Pharmaberater als zuständigem Minister und dem Minister als Pharmaberater vis-à-vis zu sitzen. Nur so kann die notwendige Kontinuität öffentlichen Handelns sichergestellt werden.

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Wir verstehen uns? Ich denke, wir verstehen uns. Gestern kam mein Flegel von Sohn vorbei und verlangte Kohle, richtig Kohle, wie er sich ausdrückte, denn er sei blank und ich schwämme ja nun in Geld. Mein Sohn, Sie ahnen es schon, ist ein wahrer Taugenichts, als Programmierer … unschlagbar, leider im Leben etwas unstet, eben doch keine Tochter, er kann einfach nichts dafür. Er hat mir geholfen, den Code zu entwickeln, im Grunde ist Koop-het®, so wie es heute im Rampenlicht steht, sein Produkt. Er ist ein Goldiger, ein Wuschelkopf … aber ernsthaft, verstehen Sie, ernsthaft wie nur einer, der früh die Falsche erwischte und seither nicht von ihr loskommt, obwohl sie längst über alle Berge ist. Mein Sohn … sagte ich es? Seltsam, diese Dinge so einfach zur Sprache zu bringen. Gewöhnlich decken wir sie ja voreinander zu. Wie gern sähe ich ihn als Millionär. Ich würde gerührt das obligate Halskettchen drauflegen, bloß um ihn glücklich zu wissen. Gestern allerdings … Die Enttäuschung muss herb ausgefallen sein, herber, als ich es mir vorgestellt hatte. Wortlos stürzte er an mir vorbei aus dem Zimmer, es fehlte nicht viel und er hätte den Türrahmen gerammt, aber diese Gefahr bestand vielleicht doch eher in meiner Einbildung. Wohler wäre mir, er befände sich heute unter uns.

Koop-het® macht alle Welt reich. Blickt man genauer hin, findet man die berühmten Ausnahmen. Etliche Tausend hat es ins Grab gebracht, wenngleich die offiziell herumgereichten Zahlen ein seltsames Gefühl in meiner Magengrube hervorrufen, eine Menge Leute hat es einfach ruiniert, eine ziemliche Menge sogar, wenn man zusammenzählt, aber wer zählt schon zusammen, solange die Leute nicht zählen, um die es geht, – viele Zeitgenossen und -genossinnen, ich betone ausdrücklich: viele bekommen dieses selig-dümmliche Lächeln um die Mundwinkel, das jede weitere Nachfrage überflüssig erscheinen lässt. Aber sehen Sie, eine Krankheit ohne Test, das ist wie ein Tisch ohne Beine, Sie können alles draufpacken, der nächste tritt hinein und fragt mit gedehntem O, als habe er gerade Maulsperre, wo hier der Tisch sei, er für seine Person könne keinen erkennen. Widersprechen Sie ihm und Sie fangen sich einen Maulkorb. Also brauchen Sie ein Institut mit einem Labor und einer Lizenz, am besten ein staatliches, am besten ein stattliches, Sie brauchen … ich will Ihre Phantasie nicht ermüden, aber wenn Sie endlich alles beisammen haben, dann wissen Sie immer noch nicht, ob Sie, was den Institutsleiter angeht, nicht an einen Wolf im Schafspelz, einen reißenden Wolf im Gewand einer Amöbe geraten sind, der mit Ihrer Erfindung, die ohne sein Institut nichts ist, auf und davon geht…

Habe ich etwas gesagt? Haben Sie etwas gehört? Enthalten diese vier Wände ein Geheimnis, größer als das Land, größer als der Kontinent, größer als der Spielplatz nebenan, auf dem die Generation künftiger Steuerzahler von Mundschutz tragenden Müttern vor den irreparablen Schäden des Kindseins bewahrt wird, indem sie ihr alles zufügen, das Bittere, das Böse, das Verletzende und das Verstörende? Nein, sie enthalten nichts, nicht die Spur einer Botschaft. Nur die Wahrheit, die bittere Wahrheit, die spät ans Licht kommt und nur, um in ihm zu verwehen. Sehen Sie, einer hat den Einfall, ein anderer hört ihn und schreibt ihn auf: Wem gehört der Einfall? Ein anderes Beispiel: Sie erfinden einen neuen Typus Krankheit, weil sie etwas vom Netz der Netze verstehen und seinen Auswirkungen auf die menschliche Psyche, und ein anderer, ein führender Virologe, entwickelt den Test dazu und erklärt: Da hast du deine Krankheit. Wem gehört sie, die Krankheit? Anders gefragt: Wer will sie haben? Schon sind Sie in Geschichten verstrickt, die weder Sie noch Ihr Gartenfreund von nebenan überblicken, vielleicht ein paar Leute vom Geheimdienst, solange sie sich untereinander noch nicht ausgetauscht haben und wissen, was man besser für sich behält. Der führende Virologe nimmt seinen Testrahmen, auf den das Virus nun einmal passen muss, ja nicht vom Haken, nachdem er bis vier gezählt hat; er reagiert auf Zuruf, auch er folgt seinem Stern, und wenn der Stern im Osten aufgeht, dann … dann … weiß er, dass er ab jetzt Geschichte schreibt. Und er geht hin und schreibt Geschichte. Manche Geschichten schreibt er nur ab, zum Beispiel die Geschichte der Fledermäuse, die in geheimnisvollen Höhlen am Ende der Zeit, ihrer Weltzeit, den Rohstoff für ein paar der schmutzigsten Menschheitsgeheimnisse liefern, manche erfindet er, um sie gleich wieder zu vergessen, nur so, für den eigenen Hausgebrauch, manche Geschichten passieren einfach und er gibt seinen Kommentar dazu… Er ist ein guter Kommentator, seine Stimme klingt sonor und beruhigend, das wirkt hinauf bis in die Spitzen des Staates, vielmehr, es ist dort seit langem bekannt, aber sicher sein darf er sich dessen nicht.

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Konstruiert ist meine Krankheit, Sie werden es längst bemerkt haben, wie eine Falle, eine Mausefalle, sofern Sie es anschaulich haben wollen: Sie laufen hinein, weil Sie sich etwas davon versprechen, zum Beispiel ein Stück Selbstbestimmung, und sie schnappt zu. Jetzt sind Sie gefangen, aber Sie wissen nicht wie und vor allem nicht warum. Zeigten Sie dieselben Symptome nicht letztes Jahr? Ja, aber damals waren sie harmlos. So harmlos, dass Sie sich einfach kurierten, indem Sie ein handelsübliches Grippemittel einwarfen, wie Sie das vor sich selber nannten. Nein, schnurrt die Katze, die Ihren Käfig umschnürt, nein, so harmlos geht es diesmal nicht ab. Wie geht es dann ab? Es ist anders. Es ist anders, als wir zuerst dachten, wir wissen noch nicht, wie anders es sein wird, wenn wir es erst zur Gänze erforscht haben, wir forschen noch, wir stehen erst am Anfang. Eine komische Katze, denken Sie sich, sie macht doch sonst mit ihrer Klientel nicht so viel Federlesens. Ich komme nicht heraus und sie kommt nicht zu mir herein. Warum? Nun ja, sie ist eine virtuelle Katze, sie wurde ebenfalls konstruiert, sie ist eine raffinierte, aus Algorithmen und Zaubersprüchen zusammengesetzte Rekonstruktion des ältesten Zuchtmittels der Welt: des Gerüchts. Sie soll Sie ängstigen, aber doch nicht – bleiben wir beim Beispiel der Maus – auffressen: Niemand hat die Absicht, eine Falle zu bauen. Das mag richtig sein. Aber ist der Hinweis vonnöten? Die Falle existiert, weil sie funktioniert, sie ist real, weil die Furcht real ist, so real, dass keine Instanz der Welt Sie davon befreien kann, nicht einmal der Regierungsanzeiger oder der medienerfahrene Minister mit dem von umfassender Verlässlichkeit zeugenden Leibesumfang.

Sehen Sie: So weit wollte ich gehen. Ich bekenne mich schuldig: Ich hielt es für eine ausgezeichnete Idee, den Pschyrembel, wie er zu jedermanns Gebrauch nun einmal im Netz steht, durch eine einfache Konstruktion zu ersetzen, eine Passepartout-Krankheit, die jeder x-beliebige Mitmensch an sich selbst diagnostizieren kann und die niemanden unbeglückt lässt – ein Bäumchen-schüttel-dich der Gedankenerkrankung, des möglicherweise Erkranktseins, des Ringens um Körper-Klarheit, die doch immer nur moment- und ausschnittweise eintritt, eines informationellen Infekts, der die Sorge um sich zur staatsbürgerlichen Pflicht erhebt, da jeder unter derselben Bedrohung dahinzuleben gezwungen ist.

Das war meine Idee. Ich wollte den Durchschnittsmenschen als jederzeit melkbaren Patienten: Fast hätte ich es geschafft. Was dann geschah, hat mich ebenso überrascht wie vermutlich die meisten in diesem Raum. Ich könnte auch sagen, es hat mich kalt erwischt. Kalt… Fahren Sie auch manchmal abrupt aus Träumen auf, in denen Sie etwas getan haben, was Sie nie…? Natürlich, allen passiert das, es ist Teil unserer natürlichen Ausstattung, nur geschichtssüchtige Narren erkennen darin bereits einen christlichen Einfluss, dabei ist das Christentum selbst … nur ein Ausfluss, wollte ich sagen, aber dann hätte ich diese Fraktion am Hals und nichts käme mir im Augenblick ungelegener. Nein, ich bin kein Freudianer, mein Dasein ist in mancher Hinsicht weitgehend freudlos verlaufen, ich kann Niederlagen verkraften, selbst solche, die kein anderer sieht. Ich kann auch ins Glied zurücktreten, sobald ich sehe, hier wird das ganz große Rad gedreht.

Das ganz große Rad… Wissen Sie, wo es steht? Ich habe mir diese Frage oft gestellt und keine Antwort erhalten. Dazwischen habe ich gelernt, andere erst gar nicht zu fragen, da sie ohnehin nur Antworten parat haben, die man bereits als zu leicht befunden und verworfen hat, während die Leute ein Gesicht dazu machen, vor dem man am liebsten ausspeien möchte, so wissend-unwissend springt es einem entgegen. Die große Illusion des Bewusstseins, es könne Wege zurück in ein Paradies spannungsfreier, geschenkter, auf ewig seligmachender Wahrheit geben, kommt aus dem Grunde des bewussten Lebens, das nicht von den sanften, meist unmerkbaren Bedingungen des Existierens umhüllt … ist, sondern sogar noch in ihm den Verlust der Unmittelbarkeit hinzunehmen hat. Verlust der Unmittelbarkeit: Wie geht das? Vielleicht so: Sie produzieren etwas, genauer gesagt, Sie haben einen Einfall, Sie beschäftigen sich mit ihm, Sie optimieren ihn, sie beziehen die Leute ein, die es braucht, ihr Produkt (denn es geht immer um ein Produkt) realiter auf die Beine zu stellen, und dann – richtet sich dieses Produkt eines Tages auf, es kommt, schwankend zwar, aber unaufhaltsam, auf die Beine, es zeigt sich Ihnen in seiner Größe, womöglich noch nicht einmal in seiner vollen Größe, denn inzwischen haben Sie bereits den Überblick verloren, nicht Sie haben es auf die Beine gestellt, Sie wissen nicht, wer dahinter steckt, oder ob es sich irgendwann von allein… Könnte so etwas passieren? Könnte so etwas wirklich passieren? ›Blinde Emergenz‹ haben schlaue Leute dergleichen genannt, aber vielleicht waren sie auch nur mit Blindheit geschlagen.

Ein schlaues Kerlchen – ich verwende solche Ausdrücke nur sporadisch, doch in diesem Fall scheint es mir angebracht –, ein schlaues Kerlchen jenseits des Atlantik hat vor ein paar Jahren den Ausdruck ›Schwarzer Schwan‹ in Umlauf gebracht – ob er ihn jetzt, angesichts einer leidenschaftlich geführten Rassismus-Debatte, die ihre Erfolge nach Straßentoten zählt, noch immer benützen würde, wage ich zu bezweifeln, aber er ist nun einmal in der Welt, ebenso wie die weiß gefiederten Schwäne, von denen der schwarze sich durch seine Seltenheit abhebt, eine außerordentliche Seltenheit, die es nicht erlaubt, sein Auftreten zu prognostizieren: Wenn er da ist, ist er da, mehr lässt sich einfach nicht dazu sagen. Der Schwarze Schwan ist das absolut singuläre Ereignis. Wenn Sie mich fragen, ob es dergleichen gibt, muss ich passen. Ich weiß es einfach nicht. In meinem Fall, im Fall von Koop-het®, scheint es sich, meiner bescheidenen Ansicht nach, eher um eine Parallelgeschichte zu handeln: Etwas geschieht und etwas anderes geschieht auch. Und siehe da: beide Ereignisse schießen in eines zusammen. Sie können mir folgen?

Es ist an der Zeit, eine Geschichte zu erzählen.

In einem fernen, bitterreichen und bettelarmen Goldgräber-Land, ich nenne es Chi, um Komplikationen zu vermeiden, die vielleicht mein Leben und das meiner Verwandten gefährden könnten, hebt ein freundlicher Arzt mittleren Alters warnend den Finger, weil eine Serie von Todesfällen bei meist alten Leuten ihm den Eindruck vermittelt, am Anfang einer Epidemie zu stehen –: in jenem fernen, von unserer Wirtschaftselite heiß umworbenen Land hebt jemand nicht einfach den Finger, nicht einmal als Arzt, schon gar nicht als Arzt, jedenfalls nicht ohne Auswirkungen auf das persönliche Wohlbefinden, hierzulande meist verharmlosend als Karriere bezeichnet, obwohl es eher die Vergeblichkeit beschreibt, heil davonzukommen. Dieser mittlerweile an der von ihm bemerkten Krankheit gestorbene Arzt löst etwas aus, das einen entfernt an die vorhin beschriebene Impf-Paradoxie erinnern könnte: Das Regime beginnt seine Leute zu impfen, das heißt mit der Information zu versehen, der Arzt habe seine diagnostischen Kompetenzen überschritten, da sei nichts, und bei den weltweiten Feinden dieses Regimes, nennen wir sie kritische Beobachter, beginnen sich, wie zu erwarten, Antikörper zu bilden. Das Regime beteuert, da sei nichts? Achtung an alle: Da geht etwas vor.

Sie merken, das ist nicht mehr die Krankheit im Auge eines aufmerksamen Arztes, es ist etwas anderes, es ist Politik. Der schnell erzählte Rest ging dann auch durch alle Medien: Das Regime, eigentlich bestens bewandert in den Techniken, scheibchenweise mit dem herauszurücken, was es als Ganzes nicht zugeben kann, fällt um – fällt einfach um wie ein nasser Sack, wie ein zu lange im Regen gestandener Vogelschreck, und schürt die Panik, die es anfangs vielleicht bloß zu verhüten trachtete, so wie es notorisch jeder Bewegung in der Bevölkerung mit Verhütungsmaßnahmen begegnet. Eine Staats-Panik will aber, wenn schon, kalten Blutes geschürt sein, soll sie sich nicht gegen ihre Urheber richten. Das ist gar nicht so einfach … überhaupt nicht einfach, wenn es sich dabei um eine Krankheit handelt, vor allem eine, die vorwiegend alte Menschen dahinzuraffen scheint, Menschen, wie sie nun einmal im Politbüros anzutreffen sind … so eine Panik kann man praktisch nicht schüren, ohne sie in sich selbst anzufachen, da kann man so überlegen tun, wie man will.

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Merken Sie etwas? Ich habe es nicht gewollt. Mein Virus ist ein Informations-Virus, eine Kommunikationsfalle, sauber ausgearbeitet und programmiert, ich habe mir da nichts vorzuwerfen. Was den führenden Virologen angeht, den mir einzubinden gelang, so betrachte ich ihn inzwischen als ein finsteres Loch. Tatsache ist offenbar, dass er seinen Test, unseren Test, in die auf der anderen Seite der Erde sich formierende Panik warf und damit vermutlich eine ganze Serie weiterer Kurzschlüsse auslöste, bis … sich schließlich weltweit in den Köpfen einfacher Leute Bilder von Leichenbergen einstellten, aufgestapelt am Ende der Welt, dort, wo es ihrer einfältigen Ansicht nach in die Tiefe geht, in Plastiksäcke gehüllt auf den Abtransport wartend, um an geheimen Orten kremiert zu werden wie einst die unglücklichen BSE-Rinder, die keiner Fliege etwas zuleide getan hatten, aber aufgrund komplizierter, in klimatisierten Büros durchgeführter Risiko-Berechnungen weggeräumt werden mussten. So sieht es aus. Sehen Sie sich um: So sieht es noch immer aus.

Mein Sohn – ich habe Ihnen meinen Sohn vorgestellt und jetzt tritt er aus der Kulisse –, mein Sohn hat einmal durchgerechnet, wie viel Rechnerleistung es bräuchte, um eine Pandemie vom Format Koop-het® von A bis Z zu orchestrieren. Ich weiß nicht, ob ich dem Ergebnis trauen soll, mein Sohn ist ein Romantiker der Taste, aber wie dem auch sei, er hat mir, das typische verhalten-müde Lächeln im Gesicht, treuherzig versichert, der Aufwand würde locker reichen, um einmal mehr die Versorgungslücke, die berühmte Versorgungslücke der Menschheit zu schließen und damit die Voraussetzung für den Weltstaat zu schaffen, den die Verteilungskämpfe der Menschheit bislang erfolgreich verhindern. In dieser Dimension bin ich nicht zu denken gewöhnt. Mein persönlicher Ehrgeiz weiß nichts vom Weltstaat, er hält ihn für eine fixe Idee und Ideen lehnt er grundsätzlich ab. Damit will ich nicht sagen, dass ich bloß in Leibern denke. Ich möchte Projekte sehen, gut durchdachte, finanziell gepolstert, mit einem gewissen Zukunftshauch, der früh genug verfliegen wird, aber heute seinen motivierenden Zweck erfüllt. Ich bin, wenn Sie so wollen, ein grün angestrichener Projektmacher, aber im Grunde meines Herzens verstehe ich mich unpolitisch.

Mein Sohn hingegen … ach, lassen wir das. Mein Sohn ist ein Fass ohne Boden. Er kassiert mich an meinen ideologisch undichten Stellen ab und um den Rest schert er sich einen feuchten Kehricht. Verstehen Sie, ganz privat, was es heißt, Rest zu sein? Ich bin nicht der römische Papst, der es sich leisten kann, den Rest als theologische Verheißung zu zelebrieren, wie immer er das im Einzelnen meinen mag. Ich frage mich auch, mit welchem Recht der liberale Papst und seine scharlachrote Corona neuerdings dem Vernehmen nach Gesichtsmasken segnen, es sei denn, diese Dinger würden von armen Näherinnen, die sonst elend verhungern müssten, in Heimarbeit hergestellt. Und damit spreche ich noch nicht von all den anderen wunderlichen Maßnahmen, die rund um den Erdball von den Regierenden ersonnen wurden, um der Bewegungsfreiheit ihrer Untertanen einen saisonalen – oder post-saisonalen, da streiten sich die Gelehrten – Dämpfer aufzusetzen. Ich kann sie ja verstehen, alle miteinander, ich verstehe nur nicht, wie sie zu ihren weitgefächerten Maßnahmen kommen. Ich fürchte, da ist auch nichts zu verstehen. Erst die Maßnahme, dann das Verstehen. Dem hinterdrein wieselnden Verständnis wird schon, spätestens vor Gericht, eine Begründung einfallen. Ihm ist noch jedes Mal eine eingefallen. Regierungen schielen auf Regierungen; wenn eine etwas verordnet, dann ziehen die anderen, schon um nichts zu verpassen, nach. Das nennt man, glaube ich mich zu erinnern, Domino-Effekt.

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Wissen Sie, das Schwarze am Schwarzen Schwan ist sein Humor. Jedes Ereignis ist singulär, sonst wäre es keines. Jeden Tag geschieht auf der Erde millionenfach etwas, das niemand voraussah, das ist nichts Besonderes. Und das, worauf angeblich alle warten: Tritt es denn ein? Tritt es jemals ein? Die Menschen warten auf so vieles, das niemals eintritt. Aber jedes Mal, sobald etwas eintritt, hebt jemand den Finger: Hab ich’s nicht gesagt? Und die Person hat recht, jedenfalls in einer Vielzahl von Fällen, auch wenn sich immer wieder Schwindler ins Geschäft mischen. Wo also steckt er, der Schwarze Schwan? Wer hat ihn gepachtet? Hat ihn denn jemand gepachtet? »Kein Problem«, reklamiert das schlaue Kerlchen aus Übersee, »ihr werdet ihn schon erkennen. Das ist das Berückende an ihm, dass ihn jeder erkennen wird. Etwas begibt sich und der angestaute Fluss der Ereignisse bricht sich Bahn – unaufhaltsam, mit der Wucht einer unbekannten Natur, keine Hand, die sich steuernd erhebt, kommt dagegen an.« Einem geschickten Historiker wird es immer gelingen, die Wendepunkte zu markieren, an denen das von ihm darzustellende Geschehen einen neuen und schließlich den entscheidenden Verlauf nimmt, dafür nimmt man gern einen Schwarzen Schwan in Kauf, ein Zufallsereignis, je unscheinbarer desto besser. Aber das sind Stilisierungen post eventum, und nicht nur post eventum, sondern post periodum, nach der großen Zäsur, die eine Ereignisfolge oder gleich eine Epoche von der folgenden trennt.

Ein Schwarzer Schwan ist wesentlich schwieriger zu diagnostizieren als eine revolutionäre Situation. Für letztere gelten gewisse Kriterien, an denen man sie unweigerlich erkennen würde, besäße man nur den Überblick. Der Schwarze Schwan kann dies, er kann jenes sein, woran soll man sich halten? Am besten an nichts, denn er kann alles sein. Er liegt nirgends sonst als im Auge des Betrachters und da liegt er gut. Aber wenn man einer Generation von Bankern, von Investoren, von Politikern einbläut, ihr Wohl und Wehe – und nicht nur ihres, sondern das ganzer Volkswirtschaften und selbst Konzerne – hinge davon ab, dass sie ihn erkennt, und zwar rechtzeitig, möglichst bevor die Konkurrenz ihn entdeckt, dann verwandelt sich, sobald der Druck im Kessel und damit die Erwartung des Kommenden steigt, die Generation in eine kritische Masse Panikgefährdeter, die bereit ist, das Fallen eines Kieselsteins für den Beginn eines Erdbebens zu halten und sich entsprechend zu benehmen.

Benehmen, ich spreche von Benehmen, denn, unter uns, was wir in den vergangenen Wochen und Monaten erleben durften, war eine kunterbunte Abfolge von kindischem, kopf- und planlosem, hinterhältigem und, bei aller zur Schau gestellten Verantwortung, würdelosem Benehmen. Sie wollen mir nicht glauben? Starren Sie nicht auf die Regierenden, blicken Sie in den Spiegel und denken Sie zurück: Werden Sie fündig? Haben Sie nicht etwas vor sich zu verbergen? Eine kleine Panikattacke, einen Wutanfall über die, von denen Sie sich besser geschützt wissen wollten, eine gewisse, Sie im Nachhinein selbst befremdende Leichtgläubigkeit gegenüber den ältesten Tricks der Boulevardpresse, einen aus tiefer Benommenheit herrührenden Unwillen, sich genauer zu informieren, ein ängstliches Laborieren an den Grenzen des physischen Selbst, das Ihnen heute fast leid tut, vor allem wenn Sie daran denken, welchen Eindruck es bei den anderen hinterlassen haben mag … da kann so vieles hochkommen, das besser von Dunkelheit bedeckt bleibt, jedenfalls vorerst. Zum Glück oder Unglück für den forschenden Geist gibt es Facebook, dieses wirre Medium, das brav alle Exuberanzen des angstgescheuchten Mitteleuropäers festgehalten hat und Ihrer Selbstspiegelung auf die Sprünge hilft, wenn Sie es höflichst darum bitten, sollten seine Betreiber Sie nicht aus irgendeinem leicht zu durchschauenden Grund gesperrt haben.

War das der Schwarze Schwan? Ich hoffe nicht – etwas muss eingetreten sein, von dem Sie und ich nichts wissen, von dem wir nichts wissen können, obwohl es sich vielleicht einfach unter all den Informationen versteckt, die wie die Teile eines unbewältigten Puzzles vor aus ausgebreitet sind. Etwas muss eingetreten sein, das die Regierenden in aller Welt plötzlich davon überzeugt hat, es sei besser, den Tiger zu reiten als von ihm zerfleischt zu werden. Wissen Sie, was ein Hockeystick ist? Natürlich wissen Sie, was ein Hockeystick ist, sonst hockten Sie jetzt nicht hier. Wir alle haben zugesehen, wie ein abgehalfterter Präsidentschaftskandidat und Hobby-Klimaexperte vor Jahr und Tag eine Leiter emporkletterte, um die lange, allmählich, sehr allmählich ansteigende Fieberkurve des Planeten auf den letzten Zentimetern in kühnem Schwung in die Höhe zu treiben – das war der Hockeystick: eine Kurve, die Angst macht. Wann immer diese Kurve – oder ihr trockenes begriffliches Gegenstück, denn eigentlich steckt hinter ihr nichts weiter als eine geometrische Progression – in Erscheinung tritt, schlägt tief drinnen in der menschlichen Psyche ein Glöckchen an und verkündet: Alarm! Genau besehen zerlegt es die Psyche in einen irrationalen Teil, der mit der Angst geht, und einen rationalen, der, weitgehend wirkungslos, vor sich hinbrabbelt: In der Natur gibt es keine geometrische Progression, alles, was danach aussehen könnte, ist bloß der Ausschnitt einer größeren Wellenbewegung.

Wenn also ein virologisches Institut – nicht irgendeines, sondern das führende Institut eines Landes – zu einem bestimmten Zeitpunkt der anschwellenden Viren-Panik den Hockeystick herausholt und gewissermaßen ins Aufmerksamkeitsfenster stellt, dann könnten wir wissen – oder ahnen –, dass hier jemand sein Handwerk versteht, zumindest weiß, was er tut: Es ähnelt sehr dem aufsteigenden weißen Rauch beim Konklave der Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle – Habemus Papam. Der Schwarze Schwan ist gekürt. Wir, die Zuschauer, könnten im Bilde sein, wären unsere Sinne nicht zu diesem Zeitpunkt durch gewisse, dem Urteilsvermögen ungünstige Vorgänge umnebelt, aber darüber später. Der Schwarze Schwan ist gekürt. Was bedeutet das? Spätestens ab jetzt sind alle Akteure im Spiel, alle zumindest, die seit Jahr und Tag auf das Erscheinen des Schwarzen Schwans lauern, weil ihnen nichts Besseres beigebracht wurde. Eine als Politik für die Menschen verkleidete Politik der Massenbeeinflussung sorgt dafür, dass es auf den Straßen ruhig, am besten leer bleibt, während die Akteure ihre für die Stunde X vorbereiteten Programme starten. Das können Umschichtungen im Portefeuille sein oder Massenentlassungen, das Abschneiden riesiger, auf die menschliche Kontaktfreude spekulierender Wirtschaftszweige von Erwerbsmöglichkeiten und Kapital, während die digitalen Player Handel und Produktion an sich ziehen – es kann dies und das und noch viel mehr sein. Denn auch Staaten ergreifen gern die Gelegenheit, neue Allianzen zu schmieden und seit langem schwelende Konflikte auf die Ebene taktischer Manöver zu heben. Der angstumflorte Zivilist erfährt davon wenig, hauptsächlich deshalb, weil er sich selbst den unbefangenen Blick auf die Nachrichtenlage verwehrt, aber die Medien helfen nach … sie lassen einfach nicht locker.

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Haben Sie das alles so erlebt? Haben wir das alles so erlebt? Natürlich nicht. Das alles ist Theorie. Erlebt haben Sie Ihre Angst, also etwa das, was ich meinen Mitmenschen von Anfang an zumuten wollte, allerdings ohne die durch den Hockeystick hinzugetretene apokalyptische Dimension. Mein Sohn, der die Sache programmiert hatte und naturgemäß weniger infiltriert war, verlor bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal die Bodenhaftung.

»Das ist doch crazy«, schrie er mich eines Nachmittags am Telefon an – er benützt diesen schrecklichen Jargon, als sei er damit zur Schule gegangen, was vermutlich sogar stimmt –, »du musst diesen Wahnsinn stoppen. Es kann nicht sein, dass deine Kumpane uns alle ins Mittelalter zurückbefördern. Du wirst deiner Verantwortung nicht gerecht.«

Was er wohl damit meinte? Im Anschluss an unser Gespräch mailte er mir einen Artikel, den er auf einem italienischen Blog gefunden hatte. Da stand es unmissverständlich: L’invenzione di un’epidemia. Ich kannte den Verfasser nicht, gewisse Internetquellen behaupteten, er sei ein berühmter Philosoph, seine Intervention klang so scharf wie eindeutig: Der postsouveräne Staat habe eine Epidemie erfunden, um sein notorisches Versagen zu übertünchen und die Menschen in eine Art von Babylonischer Gefangenschaft zu führen, indem er seine Gewalt über ihre Körper ausdehnte, wie es zuletzt die totalitären Machthaber und vor ihnen die Gewaltherrscher der Renaissance getan hätten … undsoweiter undsoweiter, Sie kennen den Jargon. Ein anderer Philosoph gab postwendend zu Protokoll, sein Vor-Schreiber habe zu viel dialektisches Feuerwasser getrunken und übersehe deshalb eine Kleinigkeit, nämlich das Virus selbst … ein ewig trunken wirkender, aus dem in Blut und Tränen untergegangenen Jugoslawien gebürtiger Denker mischte sich über eines der New Yorker Star-Blätter ein und unterschied in einer etwas aufgesetzt wirkenden Gedankenfolge zwischen der aktuell gebotenen und einer für die echte Linke gerade nicht gebotenen, obgleich sich geradezu aufnötigenden Kritik des Virus und seiner Sachwalter. Nach und nach klinkten sich auch die berufsmäßigen Dekonstrukteure aus dem wattierten Milieu der Kulturwissenschaften in die Debatte ein und sorgten dafür, dass bald nichts mehr ging – jedenfalls interpretiere ich so die Beobachtung, dass die Zeitungen rasch an diesen Spiegelfechtereien die Lust verloren und wieder zur direkten Angstheizerei mit Zahlen und Kurven übergingen. Hier waren Fachleute gefragt und keine Schwätzer.

Mir kam das alles so irreal vor. Eines hatte die Intervention der Philosophen bewirkt. Eine Formel war geboren: Das Virus ist real. Wer das bestritt – oder vorsichtig in Frage stellte –, galt als Verschwörungstheoretiker, also rechts, also Aluhut-Träger, also als Feind der Menschheit, einer, der die gesammelten Anstrengungen von Behörden und Meinungsmachern, des Bösen Herr zu werden, unterminierte. Des Bösen? Aber gewiss doch. Das Böse ist in der Welt, es mutiert in jeder Saison, die Menschheit muss gewappnet sein und es in seiner jeweils neuen Ausprägung erkennen, bevor es zu spät ist und es unsere gewohnte Realität in die Luft sprengt, wie es seine Lust ist und seine Absicht… Ich weiß, wovon ich rede, ich habe das Recht, mich zu beklagen, ich erhebe Anklage, denn ich habe meinen Sohn an diesen Irrwitz verloren, meinen einzigen übrigens.

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Die Angst… Habe ich Angst empfunden während all der Zeit? Ich glaube nicht. Doch ich kann mich auch täuschen. Beklemmung schlich sich in mein Herz, als ich meinen Sohn in der psychiatrischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses besuchen wollte und ein übellauniger Pförtner mich mit ein paar inkompetenten Floskeln des Hauses verwies. Ich war nicht rein. Als potenzieller Virenträger war ich nicht befugt, in die Reviere des Krankseins einzudringen. ›Wie krank ist das denn?‹ ging es mir durch den Kopf, wohl wissend, dass ich die Virusformel, den Quell des Unheils, in meinem brain spazieren führte. Nach etlichen Tagen Herumtelefoniererei hatte ich in Erfahrung gebracht, was los war: Sie hatten ihn positiv getestet, er lag auf der Intensivstation, er wartete darauf, dass eines der Intubationsgeräte frei wurde, es ging ihm schlecht. Nein, für mich bestand keine Möglichkeit, ihn zu sehen. In diesem Augenblick löste sich etwas in mir, ein Brocken, ein Klümpchen eher, ein Bewusstseinsklümpchen, und ich sprach mit fester Stimme ins Telefon, als wüsste ich nicht, dass am anderen Ende der Leitung eine überforderte Abwimmlerin Dienst tat, die sich womöglich gerade um ihre bettlägerige Mutter sorgte: »Nehmen Sie mich. Nehmen Sie mich. Wissen Sie, wir hatten einen engen Umgang in der letzten Zeit, gut möglich, dass er das Virus von mir empfangen hat, ich bin mir ganz sicher, dass ich ihn angesteckt habe, ich bin eine Gefahr für meine Umgebung, nehmen Sie mich.«

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Immerhin, es waren Psychiater in den Vorgang involviert. Die Sache hätte ins Auge gehen können. Aber in diesem Augenblick war mir verdammt ernst zumute. Verdammt ernst … merkwürdig, welche Kontraktionen wir unser Leben bestimmen lassen. Übrigens bestand wenig Hoffnung, dass sie eines Tages auf mein Angebot zurückkommen würden, denn ich war beileibe kein Einzelfall. Ich war einer von vielen, die in diesen Tagen, bildlich und buchstäblich, an den Eingangstüren der Krankenhäuser kratzten und Einlass begehrten – ohne Aussicht auf Erfolg, während andere, die, wie mein leicht zu beeinflussender Sohn, nicht wussten, wie ihnen geschah, durch seltsame Umstandsverkettungen wie durch einen übermenschlichen Sog ins Innere einer spukhaften Maschinerie gezogen wurden, der die wenigsten Menschen vertrauten, letztere allerdings blind. Es kostete Überwindung, zur Kenntnis zu nehmen, dass hier über Nacht eine Mauer emporgestiegen war. Schließlich handelte es sich um eine narzisstische Kränkung und die wollte verdaut werden.

Paradoxerweise isolierte mich die Einsicht, nicht der Einzige zu sein, von meiner Bekanntschaft. Unter systemtheoretischen Gesichtspunkten war das spannend. Ich verkroch mich in meiner Wohnung und begann, für mich überraschend, zu trinken. Außerdem konsumierte ich YouTube-Videos, drei bis vier pro Abend. Nach wenigen Tagen ›social distancing‹ fing ich damit bereits am Vormittag an. Die regierungsseitig verhängte Abstandskultur zeitigte Wirkung. Auf Kanälen, die ich nicht kannte, entdeckte ich Szenen aus einem Krieg, den ich nicht verstand. Ein jüngerer Mann, seines Zeichens Italiener, saß sichtlich gebrochen auf einem Stuhl neben einem Bett, hielt die Kamera seines Smartphones auf den Körper einer Toten, die in diesem Bett lag, und richtete eine flammende Suada an die Welt dort draußen: Er lebe nun, behauptete die aus dem Gerät quellende Stimme, seit vier Wochen in Quarantäne, hier in diesem Raum, die gehorteten Lebensmittel seien aufgebraucht, gerade habe ihn der Polizeiposten vor seiner Tür in die Wohnung zurückgescheucht – keine Chance auf ein Entkommen. Seine Schwester, Koop-het®-positiv getestet, sei vor vier Tagen gestorben, ihr Körper beginne allmählich … hier wurde die Stimme undeutlich, es konnte sich um ein unterdrücktes Schluchzen oder etwas zur Gänze Unnennbares handeln, überhaupt war ihr ein Klang beigemischt, den ich aus der sicheren Distanz meiner Behausung als nicht-menschlich bezeichnet hätte, so dass ich mich fragte, ob es sich nicht um eine Einspielung aus einem Paralleluniversum oder einem Propaganda-Studio irgendwo in den Weiten eines unermesslich feindseligen Landes handelte… Ich mochte mich da nicht entscheiden. Schwankend, aber letztlich entschieden schlug ich den Hilferuf an die Menschheit, mit dem der Film endete, in den Wind.

Ein Spinner? Ein ›Fake‹? Eine Entsetzlichkeit jenseits meiner Vorstellungskraft? Gleich nebenan, ich war wohl tiefer ins mediterrane Milieu eingetaucht, lief ein Interview mit dem Chef der italienischen Seuchenbehörde … was ich da hörte, verblüffte mich so, dass ich den Verdacht nicht unterdrücken konnte, einer Comedy-Einlage aufzusitzen: Dieser Herr verschaffte seinem Herzen in kräftigen Worten Auslauf, geißelte die Panikmache der Medien und behauptete rundheraus, es existiere keine Notsituation. Die Lage in den Krankenhäusern sei, abgesehen von den wenigen rätselhaften ›Hotspots‹, landauf, landab völlig normal, die seinem Haus vorliegenden Zahlen ließen leider oder doch lieber Gott sei Dank keine andere Deutung zu, selbst wenn der Heilige Vater, aus welchen Gründen auch immer, einer anderen Lesart zuneigte.

Ähnliches hörte ich aus dem Mund eines Parlamentsabgeordneten der hierzulande perhorreszierten Oppositionspartei, der die kriminellen Machenschaften, wie er sich ausdrückte, der Regierung vor den Kadi zu bringen drohte. An dieser Stelle schaltete ich ab. Was immer im Labor des führenden Virologen aus meinem ursprünglichen Auftrag hervorgegangen war, es schien ebenso ungreifbar wie ungeheuerlich, so dass die in allen Diskussionsforen gebetsmühlenartig wiederholte Formel Das Virus ist real mir wie Hohn in den Ohren klang. Hohn über wen? Hohn über was? Ich besaß nicht den geringsten Schimmer.

Meinem Sohn ging es schlecht. Er wurde jetzt intubiert, die Ärzteschaft hatte ihn in ein künstliches Koma versetzt, man verbarg seinen Zustand vor mir, als stecke dahinter ein Staatsgeheimnis. Als Vater besaß ich selbstredend nicht das Recht, auf seine Gesundheitsdaten zuzugreifen, und meine bohrenden, der Sorge geschuldeten Fragen blieben, wen immer ich an den Apparat bekam, in einem Gewebe aus schwachbrüstigen pseudo-rechtlichen Erklärungen hängen. Hören Sie … ich verschone Sie mit den Tiraden eines gequälten Erzeugers, dafür versprechen Sie mir, in den kommenden Minuten auf den Plätzen zu bleiben und sich ruhig zu halten. Denn was ich berichten möchte, das ist … das fällt … das bricht mit dem Informationsmonopol unserer führenden Medien und sollte vermutlich, wenn es nach den führenden Politikern ginge, auf Dauer in die lichtlosen Kellergefilde verbannt bleiben, in denen die alternativen Fakten der Durchgeknallten der ewigen Verdammnis entgegendämmern.

Es gibt sie durchaus noch, die linken Vögel der alten Parteienlandschaft, die einst, unter dem Beifall ihrer nicht wenigen Gesinnungsfreunde aus dem öffentlich-rechtlichen Meinungszirkus, wie David furchtlos dem Goliath der Pharma-Mafia entgegentraten, entschlossen, ihr die Maske der Ehrbarkeit vom Gesicht zu reißen und ihre menschenverachtenden Machenschaften zu dokumentieren. Es gibt sie noch, sage ich, wenngleich sie seit einiger Zeit, außer Dienst gestellt, darauf angewiesen sind, dass einer aus der Schar der auf eigene Faust und Rechnung operierenden Medienmacher vorbeischaut, deren Ein-Mann-Studios in ebenso virtuellem Licht erblühen wie die angeblich von ihnen erwirtschafteten Werbe-Einnahmen. Es gibt sie noch, unterstelle ich, und einer aus ihren Reihen muss sich eines Tagen an die Stirn getippt haben, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel: Das sind doch, das waren doch … dieselben Gesichter, dieselben Pappenheimer, die damals die Strippen gezogen hatten, damals, weißt du noch, als einige Sendeformate und selbst Teile der EU-Kommission sich auf Anti-Korruptionskurs befanden und in den Fakten herumstochern ließen, nachdem Impfmittel gegen … – wie hieß das noch gleich? Schweinegrippe? –, von ein paar Regierungen erst für Millionen Steuergelder geordert und schließlich als Müll entsorgt worden waren… Das ist doch, da soll doch… Und nun zu erleben, wie, nach diesem Déjà-vu, eine Sender-Anfrage nach der anderen erlischt, bis nur noch die Hardcore-Verschwörungs-Kasper mit ihren Haspel-Stimmen und ihrem Wir-wissen-es-doch-längst-Lächeln auf den Lippen übrigbleiben…: Manchen trifft’s hart. Und nichts nur das: Manche trifft’s mehrfach.

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