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Ich befand mich in dem weiträumigen Bahnhofscafé im ersten Stock und las bei Warlam Schalamow: »Ich danke Ihnen für die Herzlichkeit, für Ihre Güte, für Ihr Feingefühl – kurz, für alles, was Ihr Brief atmet […].« An dieser Stelle hielt ich inne. Und nahm das »atmet« als Anlass, einen Brief zu öffnen, der sich bereits seit einem Tag in meinem Rucksack befand. Dort las ich:

kräfteströme versiegen
in karstigen alltagsgebieten

graue, grobe hände
halten die inneren quellen dicht

woher nur
soll neues wasser, neues leben kommen?

mein boot gestrandet
auf dem knirschenden sand
eines kontinents dürrer, dunkler geister

 

Ingo Huth ist am 30.4.2015 gestorben.

 

 


Ich hatte Ingo, als ich gerade nach Aachen gezogen war, auf einer Lesung kennengelernt, da war ich 23. Ich erinnere ihn in der Nacht desselben Tages in einer mit Kerzen ausgeleuchteten Holzhütte sitzen, mit einer Dose Bier und einer selbstgedrehten Zigarette und großer, zerfurchter Stirn. Ich höre noch seine Stimme, als er sagte: »Ich bin jemand, der nicht viel weiß.« Das überraschte bei dem, was er schon gesagt hatte. Und ich dachte, vielleicht gilt das für Physik, aber für das, was mich kernhaft interessiert, gilt es sicher nicht.

 

 


Als ich aus Aachen herauszog, nach Herzogenrath-Kohlscheid (plötzlich hatte ich es in der Stadt nicht mehr ausgehalten, ich brauchte Raum), war die Überraschung groß, als er unabhängig von mir auch dorthin gezogen war. Zwei Straßen weiter. Da lernte ich ihn richtig kennen: hoch sensibel, ausschweifend. Ein Dichter, ja. Sehr jüdisch, schon die Kopfform. Bzw.: sehr schmerzvolle Problematik, die ihn stets wachhielt. »Weißt Du, Ralf«, sagte er einmal, »es ist egal, wie viel ich trinke oder was ich überhaupt mache, ich habe eine Problematik, mit der ich immer wach bin.«

 


Als ich wieder in Rheine wohnte, war ich schockiert, als ich hörte, dass er in der Psychiatrie gelandet war. Ich kannte seine Reinsteigerungen und der letztliche Auslöser war: Er hatte einen Job am Fließband angenommen und bei der Produktion von Osterhasen, wie ich später hörte, habe sich, als acht Stunden am Tag – Tag auf Tag –, unaufhörlich, in sehr kurzen Zeitabständen, ein bunter Osterhase, im Grunde immer der gleiche Osterhase auf ihn zukam, in seinen Synapsen etwas verändert … Als ich ihn kennen lernte, war er Student. Er feierte, mit viel Wein, Bier und Tabak jeden Abend bis in die Nacht mit Freunden, DASS er Student war … und irgendwann war prompt Schluss mit dem Studium gewesen. Das war eine Tragödie, denn dafür war er geeignet. Er lebte, wie gesagt, sehr ausschweifend und hat einen Teil seines Lebens sicher fahrlässig vergeigt … Und sagte einmal: »Ralf, ich bin zu verletzt.« Die Art, wie er nach meinem Vornamen eine Pause gemacht und: Wie er es gesagt hatte. So über-deutlich, hellsternig-bewusst, in jener Nacht. Und es geht vielleicht nicht darum, ob man den Satz von außen anerkennt oder nicht.

 


In den Neunzigern des zwanzigsten Jahrhunderts gaben wir die Zeitschrift für Literatur und Kunst Der innere Raum heraus. Ich erinnere die Redaktionssitzungen, die jedes Mal an einem andern Ort unserer Wahl stattfanden, kleine, das heißt große Ereignisse, und den Ernst, mit dem wir die eingesendeten Texte auswählten, ein Ernst, als würde über die Zukunft des Planeten Erde entschieden. Zwei »Literaturfanatiker«, die sich immer weniger einig wurden … Er war sehr viel, sehr sehr viel allein in seinem Leben, zum Teil unter scheußlichen Bedingungen, und litt darunter. In Kohlscheid ging er im Winter nachts im Wald Holz hacken, um es etwas warm zu haben. Vor zwei Jahren (2013) – also ganze Zeiten, als gäbe es keine Verbindungen zwischen ihnen, lagen dazwischen – traf ein Brief von ihm ein, in dem überraschend stand, dass er geheiratet habe. Ich hatte mich unmäßig gefreut, weil ich wusste, wie und wie lange er entbehrt hatte. Die Nachricht kam so überraschend wie für ihn die Nachricht, dass ich nun promoviert war. Er schrieb ab und zu davon, dass und wie glücklich er war. 1958 geboren. Ich hätte ihm noch zehn Jahre gewünscht. Mindestens …………… Mit seiner Frau, die mir den Brief nun geschrieben hat.

 


In der Nacht, nachdem ich von seinem Tod erfuhr, schrieb ich:

Jetzt, da er nicht mehr ist,
was für eine Ungeheuerlichkeit!
fehlt seine Anwesenheit, auch wenn ich sie nicht eigentlich vermisst hatte,
jetzt weiß ich, dass auch er mich die ganze Zeit mit getragen hat.

Stimmt das so? Ich weiß es nicht.

 


Wie eisig es ist, das Ende.

 


Als ich die Nachricht seines Todes las – das Wort »atmet« im Sinn –, wie sich alles in mir zusammengekrampft hatte, ins Entsetzen.

Und: Dass ich seit einem Jahr nicht geschrieben und mich darauf gefreut hatte, ihm jetzt, um Pfingsten, ausführlich und in ganzer Ruhe zu schreiben.

Und: Warum hatte er kein Internet? Eine Mail hätte ich ganz sicher weit eher geschrieben.

 

 


Ingo betonte in seinem Leben das Fruchtbare. Und alles, was in ihm war, breitete sich, wenn ich mit ihm zusammen war, aus zu absoluter Gegenwart. Als hätte dies nicht sterben können. Ich dachte manchmal daran, aber warum rechnete ich nicht mit seinem Tod?

 

Ganz stark war seine Metaebene ausgeprägt, im Grunde durchschaute er alles und hatte das Potenzial dafür.

 

Der Tod von jemand, dessen Wesen so bekannt, ja vertraut war.

 


Der Tod bedeutet die ganze Ohnmacht, die ganze Nicht-Erreichbarkeit eines Menschen.

Es scheint mir tatsächlich: Die Nicht-Erreichbarkeit gibt ihm die Würde, die ihm im Leben so wenig zuerkannt wurde.

Würde, die sich nun nicht mehr empfinden lässt –

 

Wie weit sein Geist oft war; wie schließend der Todesmoment.

 

Und: Als bedeute der Tod tatsächlich die Vollendung eines Werks – so bruchstückartig es ist, wohin es auch immer gelangt –, eines Geistes.

 


Diese immense Problematik, mit der er sich im Innern herumzuschlagen hatte. Ich hatte sie kennen gelernt, ohne dass er allzu viel dazu gesagt hatte – einiges schon –, denn in jedem Moment, in jedem Wort schrie sie aus ihm. Und wenn er still war, ganz still, war auch die Problematik etwas zur Ruhe gekommen. Das dauerte, dafür musste er sehr viel denken und rauchen, trinken und langsam, bedächtig sprechen … Aber wohl nie verschwand sie. Eines seiner zentralen Wörter war »Beruhigung«. Es war eben das, was er selbst brauchte.

 


Seine Problematik, die ein solcher Aufschrei war, als müsste sich damit die Erde verändern – es ist auch das, was er forderte –, das alles nun verschwunden? Aufgelöst?

 

Seine Hellhörigkeiten

 

Auch sein Leben hat viele Mörder gehabt, die

 

ganz unidentifiziert bleiben.

 

Der eigentliche Skandal, zugedeckt.

 

Wie war das, ein Leben Ingo Huth gewesen zu sein

 

Der absolute Schmerz,

mit dem jemand absolut allein ist: der Moment des Todes.

 


Wie sah er aus, sein Wahn?

Der übertragene Wahnsinn anderer, der von ihm so schlecht, so sehr schlecht, so ganz schlecht

verarbeitet werden konnte.

Doppel-Moral, Lüge, die als solche geleugnet wird, also vieles, das als »normal« gilt, in Wirklichkeit ideologisch gefärbt, war tödlich für ihn.

Zum Beispiel das an Arbeitsstellen unausgesprochene Verbot, die ganze Wahrheit zu sagen.

Von daher verstellt ein Wort wie »Wahn« nur Grundlegendes. Vielfach Unreflektiertes unter Menschen. In ihm befand sich so schöne Welt, die von der Art war, dass sie kämpfte, sich verweigerte, sich einsetzte, sich erhob!

 

In seinen Augen schien sie nicht selten auf

 


Sauer war ich, zu einer gewissen Zeit, also mit über zwanzig, am Ende der »Aachener Zeit«, so von einer gewissen Art von ihm beeinflusst gewesen zu sein. Weil ich später erst vollumfänglich erkannte, was daran schief war. Er selbst gab später bei, dass dieser Zustand, jedenfalls in dieser Form, bereits Ausdruck einer Erkrankung gewesen sei, die dann zum Ausbruch kam. »Sauer« war ich wohl auf Folgendes: 1. hatte ich bis dahin ganz, als eine Alternative zum Bestehenden, an ihn geglaubt, 2. sauer auf mich selbst, »reingefallen« und so naiv gewesen zu sein, 3. auf jenen Anteil meiner Erziehung, der nichts Kritisches vermittelt hatte, womit ich – wie ich im Nachhinein ganz sah – die dümmsten Erfahrungen zu machen hatte, um an diesem und nicht an anderem zu lernen, oder ist jemand alles selbst schuld?, 4. meine, wie ich schon immer fand, wertvolle Lebenszeit »vertan« zu haben und auch dies Teil meiner inneren Biografie werden ließ (in doch bereits sehr bewusster Zeit).

 

Sein Tod zeigt, als hätt‘ ich’s (noch immer) nicht gewusst: Jeder hat sich einzureihen. In diese endlose Reihe von Toden.

 


Er war jemand, der »zurückschoss«, Profil zeigte, wie es eigentlich richtig ist, ob auf Ämtern oder sonst wo. Und alles – und es betraf ALLE Ebenen – für etwas und jemand tat, wenn er echte Sympathie spürte.

Nun alles? Das lass ich wohl lieber. Für die Sache vielleicht. Selbst für sie nicht? Das beklagte ich ja, dass er, meines Erachtens, nicht dran blieb. Aus sich zu wenig machte … Wie ich solche Worte hasste, Elterngenerationenwörter, aber diese stimmten eben. Und sein Schulterzucken, als ich ihm mitteilte, dass und in welcher Weise ich sauer auf ihn war. Aber es habe doch auch Spaß gemacht? Das aus seinem Mund. Ich hätte ihn erschlagen können. Im Grunde tat er für alle alles. Ich musste mir das so vorstellen: im Stillen, ganz. Er war, in dem Sinne, kein Handler (kein Handelnder). Er hätte in jedem Moment die ganze Welt mit mir besprochen. Und das hatten wir getan: Ein halbes Jahr, in Kohlscheid, Tag auf Tag, herunter vom Balkon. Päpstlich, königlich, spezifisch. Wie verblasst die Erinnerungen sind. Wie gewaltig das war.

 


Ingo.

 

Mit dir ging auch ein großer lebender Entwurf: du warst Mensch und Kunst in einem. In deinem Tasten. In deiner Art. Die Hervorbringungen dagegen oft spärlich.

 

Ein Mensch der Feinstempfindungen.

Dem die feinsten, schönsten Regungen eines Menschen auffielen. Dem Bücher heilig waren.

 


deine Aktionen … Als ich einmal in Aachen eintraf, in deiner Wohnung … hattest an einem Baum ein Schild gehängt, darauf stand etwas, das ebenso verstörend wie unabweisbar richtig war. Du saßt am Fenster, etwas verdeckt – auf dem Tisch, wie immer, eine angebrochene Flasche Wein, ein offener Tabakbeutel –, und fotografiertest Menschen, die davor stehen blieben … Mit einer Kamera, die ein beträchtliches Objektiv hatte. Das bereitetest du sorgfältigst auf, als Dokumentation. Es ging dir um den Grad des Erstaunens, um den Grad der Aufhellung in einem »dummen« Gesicht. Das machte dir diebische Freude…

 

schade, dass du das hier nicht mehr lesen kannst. Deine Beerdigung. Ich sah dich jenseits des Friedhofs, in stiller Beobachterposition, dich langsam einsprechend, du hättest die richtigen Worte gefunden … Das war doch nicht ernst, »Beerdigung«, es ist!

 


So wahnsinnig huckelig, sperrig, unbefriedigend dein Leben. Und doch erscheint jetzt, mit deinem Tod, all das – auch – freundlich? Wie kann das sein –

 

Wie regte mich das auf: In meiner Wohnung sagte ich dir einmal ausdrücklich und mehrfach (ich dachte annehmbar), als du etwas für uns kochtest, »bitte …, kratz nicht mit dem Messer auf dem Boden der Pfanne herum, es sollen sich da auch Stoffe lösen, die nicht guttun …«. Das alles war umsonst, du warst einfach immun gegenüber Außenwelt-Äußerungen, die dir aus »irgendeinem« Grund nicht passten.

 


Sein Alkoholismus war mehrdimensional. Sicher, auch Genuss. Aber auch positiv anmutender Treibstoff bzw., nach seinen schlimmsten Erfahrungen, Lösungsmittel, heißt: Mittel, um nicht permanent auf die nüchternste Vernichtung von sich selbst in sich zu stoßen.

Und sicher, deswegen muss man nicht trinken. Diesbezügliche Inkonsequenz gehörte indessen zu seinem Leben, und wie ließe sie sich gutheißen, es hat ihn wohl rund 20 Jahre gekostet. Zeit, die jemand wie er hätte brauchen können. Und auch: Wie ließe sie sich schlechtheißen, die Inkonsequenz, da er sie zu brauchen schien, um seine Welt zu entwickeln –

ich erinnere, wie du in der Frühzeit noch Skrupel hattest, ganz ernsthaft Alkohol und Tabak abzubauen. Bevor irgendwann-bald der »Punkt« kam, in dem du dich mehr oder weniger völlig gehen ließest ... War das nicht – auch – Selbstmord, der »Wunsch«, seinem Leben ein Ende zu setzen? Aber was geht Selbst-Mord anderes voraus als Mord?

 

»sich gehen lassen«. Über diesen Ausdruck hätten wir viel sprechen können. Jetzt bist du gegangen.

 


erinnere dich, in deiner relativen Frühzeit, mit viel
Schüchternheit und Scheu.
Die auch später
immer auch gegenwärtig war.

Der Abgrund war so gewaltig, dass du zeitweilig nur noch »Harmonie-Gedichte« verfasstest, in denen der Abgrund nicht oder kaum merklich vorzukommen schien.

Darin lag ein Konflikt zwischen uns: Ich schritt mit Worten den Abgrund aus, so weit es ging. Du verkanntest das.

 


Schlaganfall, die Todesursache.
Die Ursache?

Schlaganfall, dachte ich eben,
entspricht – auch – der Provokation, wie gesellschaftliche Gewalt, in ihren konkreten Ausdrucksformen, auf ihn wirkte.

Die letzte Öffnung
in den Tod

 


1 / So früh gewaltig beschwert worden.
2 / »Vom Schlag getroffen«, am 30.4.2015, kam er nicht mehr hoch, nicht mehr zu sich.

Kein Zusammenhang zwischen 1 und 2, sagt im Zweifelsfall die Wissenschaft.

Sein Tod, das Aufhören.
Was er alles nicht sagte –

Von heut auf morgen eingeäschert. Und dass man einen Menschen, den man als Menschen kennen lernte, nie mehr sieht.

Wenn ich auf dein ganzes Leben blicke, so weit ich etwas sehen kann, freut es mich, so weit das Freude sein kann, dass es sich in deinem Leben noch ergab, dass du in den Armen d/einer geliebten Frau vergingst. Ingo, bis dann –

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