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Rubrik: Büchertagebuch

Zerstoßen, abgenutzt, unsauber, der Umschlag ausgefranst, sein Orange verblasst, doch des Titels Schriftbild, schwarz gerahmt, unverkennbar. Unter Jahrzehnte unbenutzten Bildbänden, zum Ausgleich der unterschiedlichen Bretthöhen in zwei Stapel geteilt, neunzehn Nachkriegshefte der Weltbühne, Jahrgänge Sechsundvierzig bis Fünfzig, unvollständig.

Natürlich nicht gleich lesen, nur ansehen, erst mal.

Nr. 9 vom 1. November 1946
… es gab damals ein bayerisches Staatsministerium für politische Befreiung
… eine Kolumne mit dem Titel Wochenschau des Fortschritts bzw. Wochenschau des Rückschritts
… ein Beitrag fragt Quo vadis, SPD und stellt fest: »Wenn man die Stellungnahme der SPD zu den diversen Problemen des täglichen politischen Lebens betrachtet, fällt einem vor allem auf, dass sie als sogenannte Arbeiterpartei in entscheidenden Fragen eher einer Koalition mit bürgerlichen Parteien zuneigt…«

Nr. 12 vom 15. Dezember 1946
… ein Aufsatz von Carl v. Ossietzky (nach dem Ersten Weltkrieg): »Wir leben mitten in einer großen Evolution: es kehrt so etwas wie ein Europäisches Bewußtsein wieder. Man schämt sich nicht länger, öffentlich auszusprechen, dass die Menschheit weiter reicht als die Fahnen des Landes…« 
… berichtet Feuchtwanger, wie Walter Hasenclever starb

Nr. 1 vom 1. Januar 1947
… schreibt Herbert Eulenberg über Maximilian Harden und zitiert einen Spruch Ulrich von Huttens, welchen Harden als Haussegen vor die Tür seiner Villa setzte: »Hätt’ Wahrheit ich geschwiegen, mir wären Freunde viel.«
… aus einer Theaterkritik ist zu erfahren, dass die Eröffnung des Berliner Renaissance-Theaters dem Besucher eine völlig neue Möglichkeit bietet: er kann sich langweilen…
… noch besseres ist von den Mitgliedern des Staats-Chores des Russischen Liedes zu hören: »Sie singen sich selbst und sie singen das Bild aller.«

Nr. 2 vom15. Januar 1947
… da fragt Ralph Giordano aus Hamburg: »…– ob es bei der nächsten Demonstration auf dem Rathausplatz bereits wieder gewagt werden könnte, Horst Wessel’s Lied zu singen…«
… erklärt Wolfgang Leonhard, wie in der Sowjetunion gewählt wird
… Herbert Ihering würdigt Ernst Busch und sein Werk
… durch Max Brod ist von einem Helden mit Namen Jaakov Edelstein zu erfahren
… und Alfred Polgar erinnert daran, dass ›eiskalt‹ ein Lieblingswort von Goebbels war
… da hilft nur Kabarett (schon wieder): »Und das Publikum lacht sich halb (leider nur halb) tot und findet das alles zum Schreien. Aber es ist nicht zum Schreien, mit Verlaub gesagt, es ist zum Speien.«