Earth

Von den traditionellen Wissenschaftszweigen ist die Astronomie im Yagir überaus stark entwickelt. Sie nimmt den größten Teil aller praktischen Aufgaben wahr, die der Wissenschaft seinerzeit im allgemeinen Aufbruch übertragen wurden. Unter Politikern beliebt wurde die Astronomie, weil sie beständig nach Partnerplaneten im Universum sucht, mit denen man Rückführungsverträge abschließen kann, und dabei immerzu schwarze Löcher findet. Seit ihre führenden Köpfe einen Zusammenhang zwischen beiden Phänomenen vermuten, stehen ihr praktisch unbegrenzte Geldmittel zu Verfügung. Bewegung kam in die Sache, als sie am anderen Ende der Galaxie einen Schwesterplaneten entdeckte. Man verlieh ihm die grausige Bezeichnung Earth, was unter Kennern der Materie soviel bedeutet wie ›Sieh dich nicht um!‹ Seit dieser Zeit ist die eine Hälfte des Yagir begierig auf Nachrichten, die jene ferne Welt betreffen, und die andere schuftet um die Wette, um sie zu produzieren. So wissen Yagiriten heute besser über Earth Bescheid als über den Yagir selbst. Sie sorgen sich um das Schicksal ihrer Bewohner, als sei es das eigene, das Familienministerium hat bereits einen Hilfsfond eingerichtet, um sie im Bedarfsfall evakuieren und medizinisch versorgen zu können. In diesem Zusammenhang spaltet die Frage, welchen Earth-Bewohnern das Fortleben im eigenen Land ermöglicht werden sollte, die Gemüter ganz erheblich. Schlussendlich hat sie zu einem tiefgreifenden Zerwürfnis zwischen Regierung und Wahlvolk geführt: die Regierung zeigt sich gespalten und der Pöbel auch. Allerdings geht die Spaltung in unterschiedliche Richtungen. Gesellschaften wurden gegründet, deren Aufgabe darin besteht, gestrandete Earthers aus der tödlichen Umklammerung durch die Galaxis zu retten. Da der Yagir aus Prinzip keine Raumfahrt betreibt, sind diese Gesellschaften innerhalb weniger Jahre sehr reich geworden, so dass ihre Hauptsorge inzwischen darin besteht, zu ihren Zwecken den Kapitalmarkt zu manipulieren. ›Kommt die Raumfahrt, so müssen wir stark sein‹, lautet ihre Devise, doch wehren müssen sie sich heute bereits, vor allem gegen Korruptionsverdacht. Inzwischen erfährt man mehr und mehr über die schaurigen Zustände, mit denen die Bewohner von Earth sich gegenseitig das Leben verkürzen. Seit Earth eine Raumstation unterhält, die vierundzwanzig Stunden am Tag Pop-Videos ausstrahlt, ist der Yagir ganz aus dem Häuschen. »Nicht zu fassen«, »Nicht anzuhören«, »Notschrei des Kosmos«, »Irre« sind die gängigen Floskeln, mit denen man das Phänomen notdürftig emotional bewältigt. Yagiriten müssen sich ambulant behandeln lassen, seit sie nachts schweißtriefend aufwachen und von Begegnungen mit Earthers berichten, die sich in ihre Träume einschleichen, um den eigenen zu verwirklichen.

 

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