Jaccusement

Der Yagir, ursprünglich etwa von der Grundfläche Brandenburgs, hineingeworfen ins Konzert der Mächte, ein Land von pulsierender Größe... Ging er gestern von Meer zu Meer (und noch darüber hinaus), umfasst er heute kaum mehr als die Hauptstadt und ihre zurückgebliebenen Randgebiete. Morgen wird es dies und übermorgen jenes sein. Man darf ihn ebenso in den schmelzenden Polregionen vermuten wie in den Eiswüsten seiner führenden Politiker, soweit sie sich aus Tweets und Facebook-Einträgen rekonstruieren lassen. Das ist ganz normal – mit diesem Satz wird im Yagir für jede Abnormität geworben, als sei sie nur die Spitze des Eisbergs, der das Gemeinwesen trägt. Leuten, die sich ungefragt aufregen, dies und das sei ›doch nicht normal‹, zeigt man die kalte Schulter – ein Stück Begrüßungs- wie Abschiedskultur, das es in sich hat. Allerdings wenden viele dagegen ein bewährtes Hausmittel an: kalten Kaffee. Eingeweihte servieren ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit. »Damit machst du nichts falsch«, heißt es, und alle trinken ihn mit Genuss. Doch muss ihn einer nicht bloß zubereiten, sondern auch richtig servieren können. So gibt es kalten Kaffee, der rechts-, und anderen, der linkshändig serviert wird, selbstverständlich ungleicher Machart, doch der Grundstoff ist immer derselbe, alles am Rande der Regel, die besagt: Nur keine Aufregung! Gesagt, getan. Unaufgeregtheiten am Rande des Unaufgeregten – wie aufgeregt muss einer bereits sein, um sich darüber aufzuregen! Und doch geschieht es. Man regt sich auf, um sich abzuregen. Man regt sich über die Aufgeregtheit anderer auf, als sei sie die eigene und daher nicht erlaubt. Der Unaufgeregteste ist der Gescheiteste – im Yagir glaubt man das allen Ernstes und schürt daher die künstliche Erregung über alle Erregten. Erregung aber ist der brodelnde Boden der Allgemeinheit, wer sich nicht erregen kann, hat ihn bereits verlassen und schmückt seine Hütte mit Talmi. Das passende Werkzeug der Unerregten gegen alle, die sich gern erregen würden, aber den Zugang zu dieser republikanischen Tugend nicht finden und daher ›etwas in der Art‹ von Erregung fingieren, das heißt stänkern, ist eine Anzeige wegen mangelnder Ehrerbietung: Sie muss kalt vorgetragen werden, eiskalt am besten, also direkt aus dem Kaffee, ohne weitere Umstände oder ohne viel Federlesens, wie es im Lehrbuch für den geschmackvollen Zugriff heißt, wo vieles von dem beschrieben steht, was Yagiriten für ihre heiligsten Überzeugungen halten. »Nach mir die Sintflut, nach Ihnen der Staatsanwalt« – er soll es wirklich gesagt haben, der oberste Sittenwächter der Nation, er hätte den Satz auch umdrehen können und hätte den Nagel nicht besser auf den Hintern getroffen. Wer anklagt, der soll auch Grund zur Klage bekommen: nach diesem Grundsatz zittern viele dem nächsten Verhör entgegen, von dem sie bereits wissen, dass Gehör dort nicht zu finden sein wird.

 

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