Renate Solbach: Porphyr

»Diese Leute sind alle ein wenig zu lange im Amt. Siehst du den Minister dort, dessen stahlgrauer Blick nur mit Mühe verdeckt, dass es ihm mehr ums Heimgehen zu tun ist als den Journalisten, die seit Tagen nicht ihre Posten verlassen, um ein kurzes Statement von ihm zu erhaschen? Er will ja, aber er kann nicht, sein Unterkiefer schnappt vor und zurück und weiter ergibt sich nichts. Steht er nicht auf der richtigen Seite? Was soll sich schon ergeben? Er selbst hat sich ergeben, das ist lange her, er kann sich nicht mehr daran erinnern, und alle, die darum wussten, sind vor langer Zeit schon verstorben.«
»Wem hat er sich denn ergeben?«
»Der Chefin natürlich. Ihr Aufblick beschäftigt viele. Heute lässt sie sich nur noch blicken, um neue Varianten der Blicklosigkeit unter die Leute zu bringen. Das ist ihr Markenzeichen, seinetwegen wird sie gewählt und es heißt, hinter den Kulissen herrsche vor jedem Auftritt große Aufregung, weil es so überaus schwer sei, weitere aufzutreiben. Man wollte die Chefin schon bereden, es mit dem einen oder anderen Blick zu versuchen – bislang ohne Erfolg. Es heißt, sie testet viel, aber am Ende entscheidet sie sich fürs Eingemachte. Studiert man die vorhandenen Videos, dann erkennt man vereinzelt schüchterne Versuche, den einen oder anderen Blick ins Publikum zu werfen, aber die Würfe geht zu hoch oder zu niedrig, vielleicht stimmt auch der Abstand nicht ganz. Tatsache ist, sie beherrscht die Technik nicht und will sie auch nicht beherrschen. Kritikern soll sie erklärt haben, sie herrsche ohnehin und dabei wolle sie es belassen.«
»Wen beherrscht sie denn?«
»Nun, weite Teile des Yagir, vor allem die Niederungen, ferner ländliche Gegenden, in denen die Bäuerin noch eigenhändig den Christstollen aus dem Regal fischt. Ferner die Presse, das Fernsehen und die Konkurrenz.«
»Die Konkurrenz? Das ist doch...«
»Widersinnig, nicht wahr? Das eben ist es, was sie beherrscht: Sie nimmt jedem Sinn den Sinn. Der Sinn der Konkurrenz zum Beispiel...«
»Verstehe. Wer gegen sie ist, mit dem tut sie sich zusammen.«
»Das ist korrekt. Allerdings muss man hinzusetzen, dass, wer einmal gegen sie war, über kurz oder lang sich selbst ein erbitterter Gegner wird.«
»Wie geht das zu?«
»Nun, sie zwingt ihn, alles zu tun, was ihn hindert, selbst an die Macht zu kommen, und zwar so, dass er irgendwann seine Tätigkeit liebt und nicht mehr von ihr lassen kann. Damit nicht genug, hindert er jeden anderen daran, das Heft zu ergreifen. Er will ja herrschen und es scheint ihm die höchste Wonne auf Erden zu sein, durch sie zu herrschen. Dort läuft er übrigens, du kannst ihn fragen, er wird gutmütig lachen und dir alles bestätigen.«
»Gibt es Gründe dafür?«
»Nächst dem Dienst an der Waffe gilt im Yagir der Dienst an der Chefin als das Höchste auf Erden. Es heißt, die mythischen Herren des Yagir hätten der Urgroßtante der heutigen Herrscherin schweres Leid zugefügt, das gesühnt werden müsse. So soll die Zahl ihrer Herrscherjahre noch immer nicht der Zahl der Jahre entsprechen, in denen Männer über das Volk des Yagir herrschten. Solange dieses Unrecht nicht ausgelöscht sei, werde es zu keinem Wechsel in der Regierung kommen. Jedenfalls spricht so das Orakel der stählernen Flasche, zu dem die Medienmacher pilgern, bevor sie darangehen, die Nachrichten auszulesen.«
»Aber der Dienst an der Waffe wurde im Yagir abgeschafft?«
»Das ist richtig. Sagen wir genauer: Er wurde entrückt. Die Soldaten des Yagir dienen dem Allerhöchsten auf die höchste erreichbare Weise. Sie sind dem öffentlichen Auge unerreichbar und nur für Traumatherapeuten ansprechbar.«
»Gegen wen kämpfen sie denn?«
»Das ist leicht gesagt. Sie kämpfen gegen das Böse und für das Gute. Sie kämpfen an der Seite aller, die reinen Herzens sind, gegen alle, die aus ihrem Herzen eine Mördergrube machen. Sie tun ihre Pflicht und das Land ist ihnen dankbar.«
»Mit anderen Worten: Sie haben wenig zu tun?«
»Wenn man davon absieht, dass sie am Rande ihrer Kapazitäten arbeiten, ja.«
»Wie die Chefin?«
»Ganz wie die Chefin.«

 

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