Renate Solbach: Dauerempörung

Der Yagir besitzt einen inneren Feind und einen äußeren. Die Benennung des äußeren Feindes wechselt von Jahr zu Jahr, die des inneren von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Dadurch erhält sich das Gemeinwesen stabil und spart Sonderausgaben für Polizei, Sicherheitskräfte und so fort. Das Jahr des äußeren Feindes beginnt mit hektischen Zurüstungen für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem dafür erkorenen Staat, die ›auch schon mal‹ kriegerische Züge annehmen darf. Später flaut die Hektik ab und das Militär bleibt – nicht immer, doch in den meisten Fällen – in den Kasernen oder auf Sicherungsurlaub an fernen Grenzen. Der innere Feind hingegen erfordert konsequente Wachsamkeit. Er ist schwer zu erkennen, noch weniger zu ergründen. Von Zeit zu Zeit sieht sich die Regierung genötigt, Handreichungen auszugeben, die auch dem einfachen Bürger die Feinderkennung ermöglichen. Leider übt sich der größere Teil der Bürgerschaft in tätiger Ignoranz, während der kleinere in aufgeklärter Empörung auf alles einschlägt, was ihn befremdet, und dazu braucht es nicht viel. Ob der äußere Feind bemüht wird, um den inneren in Schach zu halten, oder ob er dazu dient, die Wut der loyalen Bürger zu dosieren und, wo nötig, zu zerstreuen, zählt auf selten zu belastbaren Resultaten gelangenden Sicherheitstagungen zu den Dauerthemen. Ein Beobachter könnte den inneren Feind für eine Projektion der Regierenden halten, die einen Widerpart benötigen, um ihr Spiel mit der nötigen Intensität zu spielen. Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Der innere Feind füllt die Dauerempörung der Bürger wie einen geschmeidigen Handschuh. Manchmal kommt er heraus und seine obszöne Nacktheit erschreckt und begeistert die Leute, Polizei fährt auf und Politiker streiten sich über Maßnahmen. Das erschreckt auch ihn und er gleitet zurück ins Dunkel, in dem ihm warm wird. Von Zeit zu Zeit wird behauptet, der äußere Feind stehe mit dem inneren in Verbindung, das soll die Gefährlichkeit beider unterstreichen und beide streiten es in der Regel wütend ab. »Woher die Wut?«, fragt sich der einfache Bürger und zweifelt an allem. Im Yagir ist das Vertrauen in den Staat zu einer Unterart des Misstrauens verkommen. Man vertraut seinen Verlautbarungen, aber man nimmt sie ihm nicht ab. Schließlich ist er der Staat, er könnte aber auch ein anderer sein, den man nicht kennt und der sich des bekannten unter der Hand bemächtigt hat. Wer weiß? Wer soll so etwas entscheiden? Die Gerichte? Die Möglichkeit besteht und sie wird oft frequentiert. Doch da die Frage auch das Gericht überfordert, urteilt es salomonisch und alle gehen ihrer Wege.

 

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