Renate Solbach: Zwischenlager

Im Yagir ist die Zwischenlagerung von Menschen ein legaler Geschäftszweig. Wäre sie nur das! Eine Reihe auf Menschenfreundlichkeit dressierter Gesellschaften kontrolliert diese Geschäfte und spekuliert auf staatliche Zuwendungen. Weltfremd wäre das nicht. An jeder Regierung, die ihr Handwerk versteht, ist mindestens eine Partei beteiligt, deren Funktionäre privat an solchen Geschäften verdienen. Da versteht der Bürger gleich besser, worum es geht. Diese Dinge werden nur unter der Hand weiter erzählt, das liegt auf der Hand, was soll einer dazu sagen? Was man so hört, ist nicht weniger glaubhaft als die in jeder Praxis ausliegenden Hochglanzbroschüren, die der Bevölkerung ein positives Bild der Zwischenlagerung, ihrer Ursachen und Vorteile für das Land vermitteln helfen. Auch die amtlichen Mitteilungen enthalten allerhand Lücken und sogar Ungereimtheiten und schüren daher Misstrauen. Nicht alle Mitglieder der Regierung profitieren von der Zwischenlagerung. Einige opponieren offen, andere insgeheim gegen diese Politik und füttern die Öffentlichkeit mit Informationen, die ihre Gegner gern geheim halten würden. Sie werden nicht über amtliche Kanäle verbreitet, sondern durch Leute, die ihre Quellen nicht nennen dürfen. Wer sind diese Leute? Lieber geraten sie in den Ruf von Falschmeldern und Verschwörungstheoretikern, als dass sie riskierten, vom Informationsfluss abgeschnitten zu werden. Gewiss, für geübte Beobachter wäre es ein Leichtes, die Quellen aufzuspüren. Doch die indirekte Berichterstattung zieht auch unredliche Subjekte an, die mit geschickten Übertreibungen und wirklichen Falschmeldungen Panik in der Bevölkerung schüren. Auch die Freunde der Zwischenlagerung bleiben nicht untätig. Als geschickte Fälscher geben sie sich nicht mit Halbheiten zufrieden. Keine halben Sachen! Ganz oder gar nicht! So entsteht ein gewisses Tohuwabohu, in dem es praktisch unmöglich ist, als einfacher Bürger ohne privilegierten Datenzugang den Durchblick zu bewahren. Man hält sich also aus diesen Dingen heraus und mit seinen Ansichten, falls man über dergleichen verfügt, hinter den Berg. Daher ist es auf den Straßen des Yagir zu bestimmten Tageszeiten so leer. Die Aufgabe, die sich für durchreisende Fremde daraus ergibt, lautet: Suche den Berg und finde die Bürger.

 

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