Renate Solbach: Tabulinie

Im Yagir gilt als ausgemacht, dass, wer auf ihr balanciert, nur ein Verräter sein kann. In Wahrheit ist die Tabulinie eine imaginäre Route, die kreuz und quer über Land führt, hier eine Eisenbahnlinie quert und dort eine Großstadt. Zum größten Teil verläuft sie durch karges Gelände, wo auch einmal ein Halm sprießt und eine Katze in der Sonne erwacht. Das macht bereits einen guten Teil ihrer Beliebtheit aus. Denn das ist sie: beliebt. Im Sommer sieht man Scharen von Schulkindern auf ihr ausschwärmen, in der Mitte einherschreitend, den Kompass in der Hand, die würdigen Damen und Herren des Lehrkörpers. Allerdings ändert die Tabulinie ihren Verlauf von Jahr zu Jahr, was die Lehrer, ein wenig faul von Haus aus oder auch überbeschäftigt, weitgehend ignorieren. Sie übernehmen einfach die älteren Koordinaten und lassen sich den Weg vom Kollegen erklären, der damals die Exkursion durchführte. So geht das Jahr für Jahr. Es passiert, dass sich einzelne Gruppen im Gelände begegnen, sie kommen von verschiedenen Seiten und streben in unterschiedliche Richtungen. Höflich plaudern die Erzieher miteinander und schütteln insgeheim übereinander die Köpfe. Die Schüler, ohnehin überzeugt, dass alles nur ein Vorwand ist, um sie ins Gelände zu locken, haben damit keine Probleme. – Manchmal streift ein einsamer Wanderer mit der Balancierstange durch die Ebene, man kann sicher sein, das ist nur Bluff und die Kamera fährt mit. Es soll aber Leute geben, ausgerüstet mit einer inneren Wünschelroute, die unbeirrt auf dem Spannungsgrat entlangwandern, zur einen Seite das verbotene, zur anderen das verstattete Land. Einem der ihren gilt das eine wie das andere als unbetretbar, obwohl sie im Gespräch zugeben, dass es sich hier wie dort um Arenen des Erlaubten handelt, je nachdem, welche Art Leben einer zu führen wünscht. Welche Art Leben... da lacht der Tabugänger kurz und trocken, er muss weiter, zu einem ausgedehnten Gelächter reicht die Zeit nicht, sie fehlt ohnedies an allen Ecken und Enden.

 

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