2 male paradise fishes are fighting for territory by their mouth. Quelle: Wikimedia Commons

MAX BLOCH: Albert Südekum (1871-1944). Ein deutscher Sozialdemokrat zwischen Kaiserreich und Diktatur. Eine politische Biographie (= Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 154), Düsseldorf (Droste Verlag) 2009
DERSELBE (HG.): Albert Südekum. Genosse, Bürger, Patriarch. Briefe an seine Familie 1909-1932. Mit einem Vorwort von Michael Wolffsohn, Köln u.a. ( Böhlau Verlag) 2017.

Albert Südekum, dessen Lebensdaten 1871-1944 annährend die Zeit des zweiten Kaiserreichs, der Weimarer Republik und des NS-Staates umfassen, gehört zu den umstrittensten Personen der klassischen deutschen Sozialdemokratie. Sein politisches Wirken, hauptsächlich in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, ist in den Grundzügen bekannt gewesen. Es fehlte bis zum Erscheinen der an der Freien Universität Berlin im Fach Geschichte entstandenen Dissertation von Max Bloch, einem Urenkel Südekums, an einer grundlegenden Biographie. Die familiäre Nähe, das sei eingangs gleich betont, schmälert nicht den wissenschaftlichen Wert des Werkes. Trotz erkennbarer Sympathie des Autors für seinen Protagonisten werden auch negative und abfällige Urteile zitiert, auch problematische Charakterzüge und Verhaltensweisen thematisiert.

Bei der im Wesentlichen chronologisch gegliederten, neben der wahrlich reichhaltigen Forschungsliteratur im Umfeld des Themas auf den ebenfalls umfänglichen gedruckten Quellen (darunter die Schriften Südekums) auf unveröffentlichtem Schriftgut aus siebzehn Archiven, nicht zuletzt diversen Nachlässen von Weg- und Zeitgenossen, fußenden politischen Biographie, rückt der Autor drei Aspekte in den Mittelpunkt: die Stellung Südekums als eines bürgerlichen Akademikers innerhalb der Sozialdemokratie, seine Rolle als Exponent der ›Reformisten‹ schon in der SPD der wilhelminischen Ära und seine in einem etatistischen und demokratisch-›volksgemeinschaftlichen‹ Sinn ›nationale‹ Verortung. In der Kombination dieser drei Gesichtspunkte sei er geradezu als ›exemplarische Figur‹ zu sehen für eine nicht große, aber zeitweise wirkmächtige Gruppe aus dem akademischen Bürgertum stammender, in den 1860er und 1870er Jahren geborener Sozialdemokraten, so u.a. Wolfgang Heine, Eduard David und Ludwig Frank. Ob die aus der (Fach-)Arbeiterschaft stammenden, wegen inhaltlicher Nähe unter dem Rubrum ›Generation Ebert‹ hinzugezählten Friedrich Ebert, Gustav Noske und Carl Severing in dieselbe Kategorie gehören, mag hier offen bleiben.

Albert Südekum kam aus einer Familie, die erst eine Generation vor ihm den Aufstieg aus der Bauernschaft in das wohlhabende Bürgertum geschaffte hatte; der Vater besaß ein Hotel in der niedersächsischen Kleinstadt Wolfenbüttel, wo Albert nach dem Besuch des Gymnasiums das Abitur ablegte – in jungen Jahren ein rebellischer, radikal-liberaler und pazifistischer Geist –, um anschließend in Genf, München, Berlin und Kiel, vorrangig bei den ›Kathedersozialisten‹ Lujo Brentano, Adolph Wagner und Ferdinand Tönnies, der ihm zum Freund wurde, Volkswirtschaftslehre zu studieren (Promotion 1894).

Der Eintritt in die SPD erfolgte aus ethischen Motiven unter dem Einfluss des bayerischen Sozialistenführers Georg von Vollmar, gewissermaßen Urvater des süddeutschen Reformismus, im November 1891. Dieser durchaus existenzielle Schritt bedeutete keinen Bruch mit der Familie und dem bürgerlichen Milieu. Der bürgerliche Habitus, nicht zuletzt in der Kleidung, die breiten literarischen und musischen Interessen, die Offenheit für die geistigen Zeitströmungen und der kosmopolitische Horizont wurden weiterhin gepflegt und regelrecht kultiviert. Der (eher groß-)bürgerliche Lebensstil konnte sich ganz entfalten durch eine reiche Heirat und den Erwerb einer stattlichen Villa in Zehlendorf bei Berlin. Diese wurde schon vor dem Ersten Weltkrieg zu einem angesichts der gesellschaftlichen Isolation der SPD wichtigen Ort der Begegnung, hauptsächlich zwischen Sozialdemokraten des rechten Flügels und Linksliberalen.

Südekums politische Karriere begann als Journalist für die sozialdemokratischen Zeitungen in Berlin, Leipzig, Nürnberg und Dresden. Für den Wahlkreis Nürnberg, eine SPD-Hochburg, saß er von 1900 bis 1918 im Reichstag, gewählt mit teilweise überwältigenden Mehrheiten. Im Parlament sprach er sich, der sozialdemokratischen Linie gemäß, gegen die Kolonialpolitik und die Flottenrüstung aus und artikulierte die Kritik der Partei am sozialen und konstitutionellen Status quo, tat es aber auf eine Art und Weise, die eher die Botschaft der Klassenversöhnung als die des Klassenkampfs transportierte. Parlamentsarbeit verstand er, seit 1903 in der wichtigen Budget-Kommission und einer der aktivsten Abgeordneten, nicht als polemische Entlarvungsrhetorik, sondern dezidiert konstruktiv und systemimmanent, wenn auch mit systemöffnender und -verändernder Zielsetzung. Seit dem großen SPD-Wahlerfolg von 1912 gehörte ein gutes Viertel der Fraktion zu den offenen Reformisten. – Eine besondere Expertise und überparteiliche Anerkennung erwarb sich Südekum auf dem, abweichend von etlichen anderen Ländern, in Deutschland von der Sozialdemokratie lange vernachlässigten Feld der Kommunalpolitik (Herausgabe der Kommunalen Praxis und ab 1908, politisch offen, des Kommunalen Jahrbuchs).

In den Tagen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und während des Krieges avancierte Albert Südekum zum ›Mittelsmann zwischen Partei und Regierung‹ – er versicherte dem Reichskanzler Bethmann Hollweg am 29. Juli 1914, dass von Seiten der sozialistischen Arbeiterbewegung keine Streiks oder Sabotageaktionen zu befürchten seien. Dabei operierte er doppelbödig und teilweise undurchsichtig, insbesondere seitdem er sich vorbehaltlos in den Dienst des Auswärtigen Amtes gestellt hatte und in dessen Auftrag bzw. im Doppelauftrag von Reichsregierung und SPD bei Reisen in das neutrale oder noch neutrale Ausland, nach Schweden und Norwegen, Italien und Rumänien, bemüht war, die dortigen sozialistischen Parteien von einem, Entente-freundlichen Kurs abzuhalten und auf Neutralität im Krieg einzuschwören. Dabei wurden von ihm, wenig geschickt verschleiert, teilweise auch Geldzahlungen in Aussicht gestellt.

Die vorliegende Biographie macht ein weiteres Mal deutlich, dass, neben dem fraglos starken emotionalen Patriotismus und dem Eindruck, Deutschland führe einen Verteidigungskrieg, innenpolitische Erwägungen, die Hoffnung auf demokratisierende Reformen, wesentlich zur Entscheidung der SPD-Reichstagsfraktion vom 3./4. August 1914, die Kriegskredite zu bewilligen, beitrugen, eine Entscheidung, an deren Zustandekommen Südekum maßgeblich beteiligt war. Wenn es zutrifft, dass, in den Worten Eduard Bernsteins, die deutschen Sozialdemokraten von der Reichsleitung ›eingeseift‹ worden sind (was nicht ausschließt, dass Entsprechendes in den feindlichen Staaten geschah), dann gehörte Südekum zu denen, die sich besonders willig ›einseifen‹ ließen. Er teilte offenbar uneingeschränkt die offizielle Regierungsposition im Hinblick auf die Verantwortung für den Beginn und die Fortdauer des Krieges. Für die ›Sicherung‹ Deutschlands durch begrenzte Annexionen war er aufgeschlossen, und nach Osten hing er 1917/18 dem Programm der nachhaltigen Schwächung Russlands durch Schaffung eines breiten Gürtels neuer Nationalstaaten an (die fast zwangsläufig in Abhängigkeit von Deutschland geraten mussten).

Wie eine Reihe anderer Reichstagsabgeordneter sämtlicher Parteien meldete sich Albert Südekum auch zum Militärdienst: Ab Mai 1915 wirkte er in Lille, im August / September 1915 in Brüssel als Offiziersstellvertreter in der Militärverwaltung. Ende 1916 fand er während des Feldzugs gegen Rumänien Verwendung im Transportwesen. In der zweiten Kriegshälfte wuchs seine Skepsis bezüglich der deutschen Siegeschancen, und er war als sozialdemokratischer Abgesandter im Interfraktionellen Ausschuss im Sommer 1917 am Zustandekommen der Friedensresolution der Reichstagsmehrheit, der späteren Weimarer Koalition, beteiligt. In Vereinigungen wie der Deutschen Gesellschaft 1914 und der Mittwochsgesellschaft betrieb er die Annäherung der SPD-Mehrheit einerseits, Repräsentanten bürgerlicher Parteien, der hohen Bürokratie, der Wirtschaft und Wissenschaft andererseits – ein Vorgang, der nur eingeschränkt Wirkung entfaltete, weil dem nichts Paralleles an der gesellschaftlichen Basis entsprach, sich dort vielmehr während des Krieges die Klassenpolarisierung noch schärfer ausprägte.

Als sich im Sommer und Frühherbst 1918 die deutsche Niederlage abzeichnete, schien es Südekum (wie anderen führenden Mehrheitssozialdemokraten auch) umso dringender, eine Revolution zu vermeiden, ggf. einzudämmen. Während der Januarstreiks 1918, als führende Mehrheitssozialdemokraten in dieser Absicht in die Berliner Streikleitung eingetreten waren, hatte er der Reichsleitung die einhellige ›Verurteilung‹ des Ausstands durch die SPD-Reichstagsfraktion übermittelt. Die Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrags lehnte Südekum bis zum Schluss als unzumutbar ab, trat aber anders als der Reichsministerpräsident Philipp Scheidemann, der sich öffentlich festgelegt hatte, nicht von seinem seit Mitte November 1918 bekleideten Amt als preußischer Finanzminister (anfangs zusammen mit dem Bankier Hugo Simon für die USPD) zurück.

Auf die Loyalität der etablierten Beamtenschaft setzend, verzichtete Südekum auf die personelle Erneuerung des Ministeriums. Zugleich wurde er zum Verfechter einer rigorosen Spar- und Haushaltskonsolidierungspolitik, wandte sich gegen Steuererhöhungen für die Wohlhabenden, lehnte jegliche Lohnerhöhungen und Teuerungszulagen ab. Dabei musste er sich zunehmend auf die Parteien der Mitte und der Rechten stützen, während er auch bei gemäßigten Sozialdemokraten und selbst bei manchen Bürgerlichen auf Unverständnis stieß. Indem er vehement für die preußischen Reservatrechte eintrat, wurde er zu einem Gegenspieler des Zentrumskatholiken Matthias Erzberger bei dessen großer Finanzreform. In einer Mischung von Rechtsstaatsdenken und der realpolitischen Überlegung, langwierige juristische und politische Auseinandersetzungen zu vermeiden, befürwortete Südekum einen einvernehmlichen finanziellen Ausgleich mit den Hohenzollern.

Alles das machte ihm, mehr als bis 1918, zum Außenseiter in der SPD. Für die radikale Linke war er schon lange vorher zur Unperson geworden. Sein eingehend geschildertes taktisches Verhalten während der Tage des Kapp-Lüttwitz-Putsches im März 1920, informelle Gespräche mit den Putschisten eingeschlossen, das objektiv wohl nicht wenig zum friedlichen Scheitern des Unternehmens beitrug, kollidierte mit der Stimmung der im Generalstreik stehenden Sozialisten und Gewerkschafter aller Richtungen, den misslungenen Vorstoß eines Teils der reaktionären Gruppierungen für die Ausschaltung der gegenrevolutionären Kräfte und tiefgreifende innen- und gesellschaftspolitische Strukturreformen zu nutzen. Letztlich kam wenig davon zustande, hauptsächlich wegen des Zwists zwischen MSPD und USPD, doch einige als belastet geltende SPD-Politiker mussten von ihren Ministerämtern zurücktreten, so neben Gustav Noske u.a. auch Südekum.

Trotz seiner Bemühungen gelang es ihm wegen der Widerstände aus der SPD nicht, erneut ein staatliches oder kommunales Amt zu erlangen, außer 1922 die vorübergehende Stellung als preußischer Staatskommissar in der Groß-Hamburg-Frage. Publizistischer und Vortragstätigkeit folgte ein immer stärkeres Engagement in der Privatwirtschaft, wo er 1926 ein Arrangement zwischen dem schwedischen Zündholzkönig Ivar Kreuger und der deutschen Zündholzindustrie zustande brachte. Außer dem Vorstandsposten in der Deutschen Zündwaren-Monopolgesellschaft gehörte Südekum 1930 fünfzehn Aufsichtsräten an. Wie viele andere unterschätzte er vor 1933 die von der NSDAP ausgehende spezifische Gefahr und ebenso anfangs auch den totalitären Charakter der Diktatur.

Der Austritt aus der SPD Ende März 1933, obgleich mit längerer politischer Entfremdung und schlechter Behandlung durch die Partei begründet, erfolgte wohl hauptsächlich, um seine geschäftlichen Unternehmungen zu schützen. Südekum verlor nach und nach alle seine Posten, blieb indessen mit der jüdischen Ehefrau bis zu seinem Tod im Februar 1944 im Wesentlichen unbehelligt. Davor war die Zehlendorfer Villa zu einem Treffpunkt diverser oppositioneller Personen und Zirkel geworden, von denen manche eine wichtige Rolle beim Staatsstreichversuch des 20. Juli 1944 spielen sollten, darunter der frühere deutschnationale Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler und die sozialistischen bzw. christlichen Gewerkschafter Wilhelm Leuschner und Jakob Kaiser.

Die politische Biographie ergänzend, ist es Max Bloch ein Anliegen gewesen, die Persönlichkeit und die private Seite seines Vorfahren erkennbar zu machen. Dem dient die jüngst erschienene Sammlung von Briefen Albert Südekums an seine Familie, hauptsächlich an seine Frau, von den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik. Die zwanzigseitige biographische Einleitung und die pro Jahr vorangestellten Beschreibungen der jeweiligen Lebenssituation geben im Übrigen auch einen guten knappen Überblick über das politische bzw. berufliche Wirken, teilweise mit gegenüber der Dissertation diesbezüglich zusätzlichen Informationen, wie das auch für die instruktiven Erläuterungen in den Fußnoten gilt. Die Briefe zeigen Südekum als das bestimmende Oberhaupt einer auch im Hinblick auf die zeittypische Geschlechterdifferenzierung bürgerlichen Familie, als liebevollen, interessierten Gatten und Vater. Die mit abgedruckten Kondolenzbriefe an die Witwe aus einem politischen Spektrum von Sozialdemokraten bis zu NS-kritischen Konservativen preisen, über Höflichkeitsfloskeln hinausgehend, Südekum als einen »edlen Menschen« (J. Kaiser), eine »bedeutende und liebenswerte Führerpersönlichkeit« (H. Luppe). Der Sohn Lothar emigrierte schon 1933 in die USA, weil er nicht zum Referendarexamen zugelassen worden war; die eine der beiden Töchter wurde zur glühenden Nationalsozialistin, verheiratet mit einem Offizier in einer mit der Waffen-SS verbundenen kroatischen Truppe.

Anders als im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts die politischen Ereignisse spiegelt sich die mehrdimensionale tiefe Staats- und Gesellschaftskrise der Jahre ab 1929/30 kaum in den Briefen. Zu den aufschlussreichsten Schreiben im Hinblick auf die Wahrnehmungen Südekums gehört die Schilderung der Reise einer SPD-Delegation – zu ihr gehörte auch sein engerer Gesinnungsgenosse David – durch das deutsch besetzte Belgien Ende September 1915, von deren undiszipliniertem Auftreten er sich »in jeder Beziehung enttäuscht« zeigte, sowie der Bericht über die Audienz einer Gruppe von Abgeordneten aus der Reichstagsmehrheit in einem Brief an die Ehefrau vom 21. Juli 1917. »… also gestern waren wir mit dem Kaiser zusammen. Mich hat er dabei übrigens besonders ausgezeichnet, was wohl dem Umstand zuzuschreiben ist, dass ich zufällig der einzige [uniformierte] Soldat in der Gesellschaft der Abgeordneten war.« Mit großem Stolz hatte Südekum Anfang 1917 die Ernennung zum Leutnant der Landwehr entgegengenommen; nach dem für Akademiker üblichen verkürzten Wehrdienst im Alexander-Gardegrenadierregiment in Berlin (als Einjährig Freiwilliger) hatte man dem jungen Sozialdemokraten 1894 noch das Offizierspatent verweigert. Immerhin machte die dankbar registrierte Anerkennung durch den Herrscher ihn nicht blind für dessen Fehlperzeption der militärischen und politischen Lage.

Eine Biographie soll die Persönlichkeit des Protagonisten, sein ›Wesen‹, Denken und Handeln verständlich machen. Das ist Max Bloch mit seinen beiden Büchern uneingeschränkt gelungen. Geradezu plastisch tritt Albert Südekum aus den – im Übrigen sehr gut und spannend geschriebenen – Publikationen hervor, wobei die private die öffentliche Dimension des Akteurs eindrucksvoll ergänzt: ein kraftvoller, widerspruchsfreier, von Selbstzweifeln unberührter, den Freunden zugewandter, den Gegnern wenig Empathie entgegenbringender (das eine wie das andere wechselseitig) Mann und Familienmensch. Insofern vermögen Blochs biographische Studie und seine Briefe-Edition ganz und gar zu überzeugen.

Die Bedenken des Rezensenten setzen da ein, wo es um die Einordnung Südekums in die politische Szenerie des Deutschen Reiches, insbesondere der Sozialdemokratie, geht. Er war eben nicht einfach ein Vertreter des reformistischen, vor allem in Süddeutschland vertretenen Flügels (der bei Bloch zu Recht vom theoretischen Revisionismus à la Bernstein unterschieden wird), sondern der Repräsentant einer bestimmten Variante dieses Reformismus. Nur diese Variante kam in den frühen 1920er Jahren an ihr Ende mit dem Übergang der SPD in die Opposition (zuerst 1920) und mit der Wiedervereinigung mit dem relativ gemäßigten Teil der USPD. Im Sinne der Perspektive eines demokratischen, reformstrategischen, gradualistischen Übergangs zum Sozialismus blieb die Partei die ganze Weimarer Republik hindurch (und ohnehin nach 1945) reformistisch.

Dass Südekum das betont republikanisch-staatstragende, aber weiterhin die Überwindung der kapitalistischen Klassengesellschaft anzielende „Görlitzer Programm“ von 1921 (das von links scharf kritisiert wurde, wie Bloch zutreffend anmerkt) als Rückfall in überholte Klassenkampfrhetorik und Abkehr von der Koalitionspolitik auffasste, wirft die Frage auf, ob sich nicht vielmehr die Südekum’schen Maßstäbe in dem vorangegangenen Jahrzehnt subkutan verschoben hatten. Die SPD, die die Partei des ganzen „arbeitenden Volkes in Stadt und Land“ sein wollte, blieb organisch mit der Klasse der Lohnabhängigen und ihren (in erster Linie gewerkschaftlichen) Organisationen verbunden. Dieser politisch-soziale Charakter der Partei setzte allen eventuellen Veränderungswünschen Grenzen.

Auch für den ausgeprägten Nationalpatriotismus Südekums und seiner engeren Gefährten gilt, dass dieser nur eine bestimmte Variante des insgesamt keineswegs nihilistischen Nationsverständnisses der Sozialdemokratie ausmachte. Gewiss gab es Einstellungen wie die Arthur Crispiens, der am 17. August 1914 in sein Tagebuch schrieb: „Ich habe nicht die Spur ‚nationales Gefühlʻ – Die Welt ist mein Vaterland“. Doch lassen sich diesem abstrakten Internationalismus schon zur Zeit des Kaiserreichs viele Äußerungen, auch von Angehörigen der SPD-Linken (bis hin zu Karl Liebknecht), tiefer Verbundenheit mit dem Land und dem Volk der Deutschen gegenüberstellen, allerdings im Sinne eines systemoppositionellen, eben nicht affirmativen Nationalbewusstseins.

Es wäre eine abwegige Herangehensweise, die Kontroversen von Personen und Gruppierungen der Vergangenheit so zu behandeln als hätten wir es mit Zeitgenossen zu tun. Der Abstand von hier rund einhundert Jahren sollte es möglich machen, das Agieren der Früheren und ihre Beweggründe sine ira et studio zu rekonstruieren. Auch ein Albert Südekum hat in diesem Sinn das Anrecht auf eine gerechte, soll heißen: seine Voraussetzungen und Motive einbeziehende Würdigung, nicht anders als seine Kontrahenten. Trotzdem ist es erlaubt und sogar geboten, kritische Fragen zu stellen. Zu solchen Fragen angeregt zu haben, gehört zu den Verdiensten der beiden Bücher von Max Bloch.

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Thema 2018: Die ungleichen Gleichen. Differenz als Unruhe

1 = 1. Das gehört zu den intuitiven Wahrheiten, die immer wieder das Staunen darüber anfachen, dass es Aussagen gibt, an denen zu rütteln hieße, eigene und anderer Leute Zeit zu verschwenden. Andererseits bedarf es keiner besonderen Anstrengung, zweimal denselben Ausdruck hinzuschreiben und ein Gleichheitszeichen dazwischen zu setzen. Spannend wird es dann, wenn links und rechts des Gleichheitszeichen ungleiche Terme auftauchen: A = B. Warum denn das? Muss das sein? Genügt es nicht, A = A sein zu lassen? Warum die Dinge komplizieren? Oder, da sie nun einmal kompliziert zu sein pflegen: Warum das Einfache dadurch komplizieren, dass man es einem anderen Einfachen gleichsetzt? Oder, wenn schon gleichgesetzt werden soll, was sich doch offenkundig unterscheidet, warum so eigenschaftslos, so lapidar?

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